Warum schiebt meine Tante heimlich Sahnetorte in meinen Hund?

 

Wer kennt es nicht? Besuch mit Hund bei der Tante und während man den Raum verlässt, wandern Sahnetortenstücke unter den Tisch? Sie weiß, dass sie das nicht füttern soll, aber sie reicht mit freudig-erwartungsvollem Blick die klebrigen Stücke unter die Tischdecke. Sie füttert heimlich sogar dann, wenn wir explizit darum gebeten haben, es zu unterlassen.

Spaziergang mit anderen Hundehaltern, der Hund bettelt und – schwupp – wandert ein Stück Fleischwurst ins erwartungsvolle Tier. Auch wenn der Hund danach jedem Spaziergänger an der Jackentasche schnüffelt. Ach naja, man habe es doch einfach nur gut gemeint und sowieso reichlich Wurst dabei.

Als Hundehalter fühlen wir uns dann oft unverstanden. Nicht nur dass der Hund Allergien haben könnte und die Wurst oder Torte nicht gut verträgt. Zudem kann der Hund bei diesem Vorgehen leicht die Form einer Tonne annehmen kann. Es kommt schon die Frage auf, warum sich jemand so verhält. Was ist so toll daran, dem Hund Futter zu geben?

Aber greifen wir uns zuerst mal selbst an die eigene Nase. Wir waren mit dem Hund auf einer langen Wanderung. Erschöpft rubbeln wir ihm den nassen Sand aus dem Fell und freuen uns, wieder in der warmen Wohnung zu sein. Der Hund ist viel gerannt und ausgelastet, selig hechelt er und wirkt müde. Wir stellen ihm einen Napf mit seinem Lieblingsfutter hin, schauen zu wie er frisst und beobachten danach, wie er sich genüsslich in seinem Körbchen ausstreckt und wohlig seufzt. Wie fühlt man sich bei diesem Anblick als Hundehalter? Gut, oder? Man hat selbst alles getan, damit es ihm optimal gut geht. Im Winter dreht man die Heizung noch ein Stück auf, er soll es warm haben.

Wenn ich auf Arbeit meinen (nichthundehaltenden) Kollegen so etwas erzähle, können die das nicht immer ganz nachvollziehen. Was, es hat doch aber geregnet? Da warst du 3 Stunden freiwillig draußen? Wie, du gibst so viel Geld für Hundefutter aus? Reicht da nicht auch ein einfaches Hundefutter?

Die Frage, warum wir es uns so verhalten, ist schnell beantwortet. Wir fühlen uns selbst schlichtweg richtig gut dabei. Der Fachbegriff dazu ist „caregiving behaviour“ und bedeutet so etwas wie „Fürsorgeverhalten“. Dieses Fürsorgeverhalten kann selbst schon bei Kindern beobachtet werden. Wenn wir anderen etwas Gutes tun können, macht uns das selbst „glücklich“. Zumindest fühlen wir uns dabei wohl, es wird das Bindungshormon Oxytocin ausgestreut. Das entspannt uns, wirkt blutdrucksenkend und baut Vertrauen auf.

Zudem unterstellen wir Menschen Reaktionen im Hund, die wir bei uns selbst erleben würden. Wir glauben an Wohlbefinden, eine angenehme Mischung aus ausgelastet, satt und müde, wenn wir dem Hund alles bieten können, von dem wir glauben, dass es der Hund möchte.

Möglich macht das bei uns das Vorhandensein von Spiegelneuronen. Als hoch soziales Lebewesen verfügt der Mensch über Neuronen, die selbst dann feuern, wenn wir eine Handlung nur beobachten. Wenn wir also unserem Hund zusehen, wie er genüsslich mit halb geschlossenen Augen und in entspannter Körperhaltung auf seinem Rinderohr kaut, feuern in unserem Gehirn besagte Spiegelneuronen. Wir empfinden dann eine ähnliche Zufriedenheit.

Was wir dazu benötigen, ist Empathie. Wir müssen die Fähigkeit haben, uns in andere Lebewesen hineinzuversetzen. Das setzt voraus, uns selbst gut beobachten zu können („ich fühle mich wohl, wenn….“).  Außerdem müssen wir so viel Interesse an einem anderen Lebewesen haben, dass wir ähnliche Wohlbefindensmuster annehmen wollen.

Wenn wir nun also der Tante unterstellen, dass sie mit Absicht unseren Hund in ein „breiter als hoch“ – Format füttert, sollten wir bedenken, dass die sich so verhält, weil es ihr gut tut. Ihre Motivation ist dabei nicht, so viele Kalorien wie möglich in kurzer Zeit zu verabreichen, sondern bei sich selbst Wohlbefinden hervorzurufen. Das ist ihr sicherlich so nicht bewusst und das können wir von außen auch erst einmal nicht beobachten.

Die Tante glaubt schon daran, dem Hund mit der Torte etwas sehr gutes zu tun. Deshalb schenkt sie Kindern auch Schokolade und zuckersüße Lollis oder füttert im Park die Enten. Es ist ihre Vorstellung von „etwas Gutes tun“ und vielleicht hat sie in ihrer Kindheit Lebensmittelknappheit erfahren.

Aber ganz so egoistisch ist die Tante nicht. Wenden wir mal eine Technik an, die man „Reframing“ nennt. In einem Verhalten, welches wir selbst erst einmal als negativ bewerten, stecken auch immer positive Anteile. Uns ärgert, wenn die Tante heimlich Sahnetorte verabreicht. Sahnetorte zu füttern bedeutet aber auch, den Hund zu mögen, ihm eine Freude machen zu wollen, und Interesse daran zu haben, dass der Hund gern kommt.

Je nach Beschaffenheit der Tante kann man entweder aufklären, dass die mitgebrachten, mageren Fleischstücke viel besser geeignet sind und diese füttern lassen. Vielleicht kennt sie es aus schlechten Zeiten, dass das Füttern von Torte ein echter Höhepunkt war. In unserer durch Überfluss gekennzeichneten westlichen Welt ist das nicht mehr ganz passend. Klären wir sie doch einfach auf, dass der Hund sich über andere Sachen viel mehr freut und es besser für seine Gesundheit ist.

Wenn der Hund die Torte absolut nicht verträgt, könnte man sie darauf hinweisen, dass der Hund sich dann so fühlt, wie wenn sie ihre XYZ-Tabletten nicht eingenommen hat. Sie ist ja empathisch und kennt das Gefühl von Durchfall.

Ja und falls der Hund die Sahnetorte wegstecken kann und die Tante es nicht lässt, dann muss man selbst eben ertragen, die nächsten beiden Hundemahlzeiten ausfallen zu lassen.

(Vielen Dank an Marlen Bartsch für das Photo)

 

 

 

 

 

 

 

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Der böse Behaviourismus….

 

Betrachtet man sich die gegenwärtigen Diskussionen um Hundetrainingskonzepte, fällt immer häufiger der Begriff Behaviourismus. Es gibt dann die Befürworter, die das richtig gut finden aber auch die Gegner, die ihn in die Mottenkiste der Psychologie stopfen wollen. Wer ist nun im Recht? Oder anders: Kann eine von beiden Seiten überhaupt Recht haben?

Ich erinnere mich noch lebhaft an die ersten beiden Semester meines Psychologiestudiums und die Vorlesungen (die besucht man ja zu Beginn seines Studiums noch rege). Im Psychologiestudium wird der Behaviourismus im ersten und zweiten Semester gelehrt, als historische Grundlage. Hier also meine Sichtweise zum Behaviourismus und dessen Einbettung in aktuelle Strömungen der Psychologie.

Historisch gesehen begann mit der Psychoanalyse und Sigmund Freud erstmals ein näheres Betrachten der Psyche des Menschen. Freud war ein Vorreiter, indem er nachgefragt hat, warum sich Menschen mit Leidensdruck so verhalten, wie sie es tun. Er betrachtete Einzelfälle bis ins kleinste Molekül und schrieb längere Abhandlungen dazu. Wer jetzt sagt, Freud ist alt, der hat schon sooo´n langen Bart: Vergessen wir nicht, dass auch heute noch viele Hundehalter die Erfahrungen mit ihrem eigenen Hund auf die Allgemeinheit übertragen wollen. Freuds Werke sind um die Jahrhundertwende des 20. Jahrhundert entstanden, er starb 1939.

Behaviourismus bezieht sich auf den Begriff „Verhalten“ und genau das ist bei dieser Richtung der Psychologie auch im Fokus. Man schaut sich erst mal nur das Verhalten an, herausgeklammert aus allen weiteren Faktoren wie zum Beispiel Gesundheitszustand, Gemütszustand, Ahnentafel oder Wetterlage. Der Behaviourismus, der kurz nach der Psychoanalyse entstand, hat der Psychologie einen großen Dienst erwiesen. Er ging systematischer an Fragestellungen heran. Es wurde also nicht mehr das Innenleben der Inge Müller umgestülpt, sondern gefragt, wie eine größere Anzahl von Inge Müllers denn so reagieren könnte.

Jeder, der sagt, er würde gern mit Tieren arbeiten, wäre in den Laboren der Behaviouristen gut aufgehoben gewesen, dort wurde viel an Tieren erforscht. Leider manchmal nicht auf die nette Art und Weise, Ratten und Tauben waren beliebte Modelle für menschliches Verhalten. Dies wurde damit erklärt, dass dann das Innenleben erst mal für die modellhaften Untersuchungen nicht interessant war, die berühmte Black Box. Man hat das Innenleben zum damaligen Zeitpunkt auch einfach nicht genauer untersuchen können. Bildgebende Verfahren wurden beispielsweise erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts erfunden. Der Behaviourismus reagierte als Gegenströmung zu den unüberschaubaren und nicht nachkontrollierbaren Sichtweisen der Psychoanalyse. In der Psychoanalyse wird beispielsweise gesagt: „Sie haben Angst, diese wird aber verdrängt“. Sagt der Patient: „Nö, stimmt nicht!“ ist das wiederum ein Beweis dafür, dass er die Angst verdrängt. Das kann man schlecht belegen, es dreht sich im Kreis, wer von beiden hat also Recht?

Um diese undurchsichtigen Prozesse sichtbar zu machen, wurden nachvollziehbare und beobachtbare Versuche gestartet und nur auf das Verhalten geschaut. Es wurde also reduziert auf beobachtbares Verhalten. Man hat einen Reiz dargeboten (oft Futter) und gespannt die Verhaltensreaktion beobachtet. Das Verhalten einzelner Ratten war erst mal nicht interessant, nur wenn sich viele Ratten ähnlich verhalten haben, akzeptierte man ein Modell. Nicht immer, denn der Versuch zum kleinen Albert (Watson und Rayner, 1920) wurde nur an einem Kind probiert, dennoch ist es ein heute akzeptiertes Modell zur Angsterstehung.

Später überwand man das Modell der Black Box, es war eben auch nur ein Modell. Das Erbe des Behaviourismus ist zum einen der Ruf nach Anthropomorphismus (Vermenschlichung): Tieren werden menschengleiche Emotionen zugeschrieben, was im Behaviourismus eben nicht betrachtet wurde. Zum anderen haben wir das wissenschaftliche Vorgehen vom Behaviourismus geerbt. Ob Wissenschaftler jetzt alle Behaviouristen sind? Nein, wir haben nur die Überlegungen zur Vorgehensweise geerbt, nicht die Denkinhalte.

Die Behaviouristen hatten eine weitere Grundannahme: die tabula rasa. Demnach kommen Lebewesen als „weißes, unbeschriebenes Blatt“ zur Welt und Lernerfahrungen sind die Tintenkleckse auf diesem Blatt. Das blendet allerdings auch die komplette Genetik aus. Diese war allerdings auch in dieser Zeit noch nicht weit fortgeschritten mit ihren Erkenntnissen. Wie gesagt, es war ein Modell. Modelle können die Wirklichkeit immer nur schematisch vereinfacht abbilden und sollten als Diskussionsgrundlage dienen.

Ähnlich verhält es sich mit dem Modell des Gehirns. Dabei werden gegenwärtige Annahmen mit farblichen Bildchen vereinfacht. Auch heute sind wir noch weit davon entfernt, das Gehirn als komplexes Gebilde zu verstehen. Das Gehirn denkt über sich selbst nach. Ein System im System. Jeder Psychotherapeut weiß, dass das Betrachten eines Systems von außen (als unbeteiligte Einheit) geordnetere Sichtweisen hervorbringt. Der Therapeut ist nicht Teil des Systems, über das er nachdenkt. Das funktioniert im Moment bei dem Gehirn noch nicht. Vorsicht also mit schematischen Darstellungen von Hirnfunktionen. Es sind immer nur vorläufige Annahmen, bis sie widerlegt werden.

Der reine Behaviourismus wurde mit der „kognitiven Wende“ circa 1960 abgelöst. Abgelöst heißt aber nicht verworfen sondern verändert, modifiziert. Die Reiz-Reaktions-Mechanismen sind also nicht falsch, nur nicht mehr allerklärend. Es kamen weitere Betrachtungsaspekte hinzu. Denkprozesse, Wahrnehmung, Emotionen und Motivation und auch die Psychopathologie, also krankhafte Veränderungen von Denken und Wahrnehmung. Es entwickelte sich die Verhaltenstherapie, die heute als kognitive Verhaltenstherapie durchaus Bestand in der Psychotherapie hat.

Was die Psychoanalyse macht? Na sie hat einfach weiter gemacht. Sie existiert neben der Verhaltenstherapie (deren Grundlagen im Behaviourismus liegen). Nebenbei gibt es auch noch humanistische Modelle (nach Rogers), systemische Ansätze und viele weitere. Von früheren Annahmen wurden gelungene Aspekte herausgegriffen und weiterentwickelt. Je weiter sich die Psychologen und Ärzte mit der Therapie des Menschen beschäftigt haben, desto mehr Modelle sind hinzugekommen. Dabei verhält es sich so, dass viele Ideen nebeneinander existieren.

Inzwischen schaut man, welche Störung vorliegt und mit welcher Therapie sich diese gut behandeln lässt. Für einzelne Störungen gibt es angepasste Therapien, die sich direkt auf die Inhalte der Störung beziehen. So gibt es zum Beispiel Therapien für Menschen mit emotionaler Instabilität die dialektisch-behaviourale Therapie. Angststörungen lassen sich gut mit Verhaltenstherapien behandeln. Werden Probleme primär durch das Umfeld beeinflusst, kann eine systemische Therapie sehr gut das Umfeld des Patienten hinterfragen. Das bedeutet auch, dass Therapeuten bereit sind, eine besser geeignete Therapie zu empfehlen, wenn sie mit ihrem Handwerkskoffer nicht weiterkommen.

Will man nun Psychotherapeut werden, heißt das, nach den 4,5 Jahren Psychologiestudium eine weitere Ausbildung zu absolvieren. In Vollzeit 3 Jahre, berufsbegleitend 5 Jahre. Das ist noch mal richtig teuer, die Kosten liegen zwischen 15 und 50 Tausend Euro, je nach Richtung. Im Vergleich dazu sind die Ausbildungen in der Hundeszene richtig günstig. Der Psychologe von heute hat immer noch nur die Wahl zwischen Psychoanalyse/Tiefenpsychologie oder Verhaltenstherapie, will er später mal Kassenpatienten behandeln. Ich persönlich kenne keinen Kollegen, der sagt, eines von beiden Konzepten wäre jetzt das Allheilmittel und man entscheidet sich aus unterschiedlichsten Gründen für eine der beiden Richtungen. Ein reines Arbeiten nach nur einer Richtung ist im Alltag unwahrscheinlich. Keine der beiden Richtungen ist nämlich für die Vielzahl an Störungsbildern, die ICD 10 oder DSM V (Kataloge von aufgelisteten Störungen des Menschen) kennen, alleinig allerklärend.

Ich persönlich würde mir wünschen, dass Hundetrainer gute diagnostische und methodische Werkzeuge an die Hand bekommen. Das heißt, dass erst einmal umfassend mit vielen verschiedenen Brillen geschaut wird, was genau das Problem ist. Je nach Verhaltensakzentuierung (Hund macht komische Sachen) oder Störung (Hund hat ein richtig dolles Problem) sollte zunächst geschaut werden, was die Störung bedingt. Das kann medizinische Gründe haben, Gründe die im Umfeld des Hundes liegen, in dessen Lerngeschichte (und da haben wir ihn wieder, den Behaviourismus, aber er ist eben nur ein Teil des Spiels) oder auch in der Interaktion mit dem Menschen. Was bedingt eine Störung, wie wird sie aufrechterhalten. Wie ist sie entstanden? Was beeinflusst eine Störung, was wurde bisher versucht? Wie ist der Mensch drauf, was kann ihm zugemutet werden? Gleiches gilt für den Hund. Es ist auch sehr gut möglich, dass der Mensch das Problem ist, also muss ein Hundetrainer auch sensibel auf das Verhalten des Menschen schauen können.

An dieser Stelle werde ich auch nicht müde, zu erwähnen, dass Hundetrainer eine Methodenvielfalt kennen sollten. Wenn das einzige Werkzeug ein Hammer ist, werden alle Probleme zu Nägeln. Dafür ist die Hund-Mensch-Beziehung aber zu vielfältig. Das klingt danach, als müssten Hundetrainer mehr lernen als nur eine Vorgehensweise? Richtig, das wäre notwendig.

Und weiter würde ich mir wünschen, dass Hundetrainer auch umfassend in der Arbeit mit Menschen ausgebildet werden. Hundetrainer arbeiten in der Hauptsache am Menschen.

Gegenwärtig ist es in Deutschland so, dass Berufe am Menschen (Erzieher, Ergotherapeut, Logopäde…) eine mindestens 3jährige Ausbildung erfordern. Oder ein Studium (Sozialpädagoge, Psychologe, Pädagoge…). Das hat auch seine Berechtigung, werden doch in der Ausbildung Methoden und Hintergründe erlernt, die nun mal notwendig sind. Selbst nach einer solchen Ausbildung/Studium benötigt es sehr viel praktischer Erfahrung, um sicher mit vielen verschiedenen Situationen umzugehen. Es gelingt dann auch besser, einzelne Theoriekonzepte in das Wissen einzubetten und entsprechend zu würdigen.

Die Frage lautet dann nämlich nicht mehr: Behaviourismus ja oder nein, sondern: Behaviourismus wann und zu welchem Anteil.

 

 

Kann man die Angst des Hundes durch Zuwendung verstärken? – Standpunkte…

Kann man die Angst des Hundes durch Zuwendung verstärken? – Standpunkte…

 

Über diese Frage ist bereits sehr viel diskutiert worden und es bilden sich Lager: die einen sagen, dass durch Zuwendung bei Angst diese verstärkt wird. Andere sagen, man kann die Angst nicht verstärken, da es eine Emotion ist und der Hund nicht „machen kann“ dass er mehr Angst hat. Also soll man bei Angst den Hund trösten. Wieder andere beschäftigen sich mit der Frage überhaupt nicht und leben mit ihren Hunden trotzdem gut zusammen. Ich werde also neutral an diese Frage herangehen und in einem Fazit meine Gedanken dazu äußern.

 

Standpunkt 1 „Angst wird durch Zuwendung verstärkt“.

Angst ist erlerntes Verhalten. Das haben schon Studien wie „der kleine Albert“ von Watson und Rayner (1920) zeigen können. Klassisch konditioniert (freundlicher Reiz und Strafreiz treten gemeinsam auf, nach einigen Wiederholungen reicht der freundliche Reiz für die Schreckreaktion). Dies zeigt, das sogar so angenehme Dinge wie das Streicheln eines Kaninchens angstbesetzt werden kann, wenn es in ständiger Verbindung mit Schreckreizen passiert.

Es konnte auch gezeigt werden, dass Schimpansen Angstverhalten ihrer Eltern „übernehmen“. Beim ängstlichen Reagieren auf den Anblick einer Schlange reagieren die jungen Schimpansen zunächst irritiert, ahmen dann aber das Verhalten ihrer Eltern nach, ohne je Konflikte mit einer Schlange gehabt zu haben. Angst ist also generell erst mal erlernbar.

Nun stellt sich die Frage ja nicht, wie wir unserem Hund Angst vor einem Kaninchen oder einer Schlange beibringen wollen. In unserem Alltag werden wir einen Hund haben, der – warum auch immer – schon Angst vor etwas hat. Der Hund wird also gelassen spazieren gehen, es taucht ein Angstauslöser auf (Heißluftballon, Radfahrer) und der Hund zeigt eine Angstreaktion. Jetzt ist die Frage für den Halter: Was tun? Wenn Zuwendung die Angst verstärkt, verhalten wir uns so, als sei gar nichts und ignorieren die Angst des Hundes. Der Hund soll am Vorbild Mensch lernen, dass die Situation völlig alltäglich ist und normale Abläufe dadurch nicht unterbrochen werden müssen. Ein Zuwenden zum Hund (Steicheln, Füttern, Trösten) würde dem Hund signalisieren: Ja, hast Recht, da ist was faul. Die tröstende Stimmlage vermittelt dem Hund „Caregiving behaviour“, also Pflegeverhalten, hier ist also definitiv etwas passiert. Die Aussage ist also: Wir verstärken das Verhalten des Hundes (operant konditioniert). Denn es scheint sich ja zu lohnen, dieses Verhalten zu zeigen (Konsequenz ist die Zuwendung). Er wird es wieder tun. Dingen mit Angst zu begegnen scheint die komplette Aufmerksamkeit auf den Hund zu leiten. Das Verhalten lohnt sich und was sich lohnt wird gemacht.

Standpunkt 2 „Man kann Angst nicht durch Zuwendung verstärken.“

Angst ist eine Emotion und der Hund kann nicht „machen“, dass er eine Emotion zeigt. Emotionen lassen sich nicht verstärken bzw. willentlich beeinflussen. Wenn jemand zu einem Horrorfilm Chips isst, machen die Chips nicht, dass er mehr Angst hat. Was passieren könnte ist, dass das nächste Essen von Chips an die Gefühle beim Horrorfilm erinnert, wobei die Reaktion dann sehr abgeschwächt wäre. Emotionen sind ungerichtet, sie treten in einem bestimmten Moment auf oder nicht. Somit kann man einen Hund bei Angst trösten. Es wird ihm helfen, sich schneller zu beruhigen („Caregiving behaviour“), er wird die Situation als weniger negativ bewerten, da er sich ja beruhigen konnte. Viele Hunde suchen auch von sich aus Schutz beim Halter und empfinden die Nähe des Halters als tröstend.

Für den Hund wahrnehmbar ist die physiologische Veränderung bei Angst, wie Zittern oder Herzrasen. Auch diese Reaktion ist unwillkürlich und daher nicht durch Lernverhalten beeinflussbar. Wenn wir durch Trösten dafür sorgen, dass die physiologische Veränderung zurückgeht, dann wird der Hund dieses Verhalten weniger zeigen.

Soweit die unterschiedlichen Standpunkte.

 

Fazit: Die Frage, die hinter diesen beiden Standpunkten steht, ist also: wenn wir etwas beeinflussen, ändern wir dann das Verhalten oder die Emotion hinter dem Verhalten. Das lässt sich nie genau sagen. Beides ist miteinander verknüpft. Wissenschaftler gehen dieser Frage seit dem 19. Jahrhundert nach. James-Lange-Theorie, Schachter und Singer, Cannon-Bard-Theorie. Es wurde also bereits vorher viel überlegt und diskutiert, wie Emotionen entstehen. Die Psychologie geht inzwischen von einem komplexen Geschehen aus, welches sich wechselseitig beeinflusst. Reine Wenn-Dann-Aussagen (Algorithmen) sind zwar wünschenswert, aber leider so nicht realistisch. Was bedeutet das nun für uns Hundehalter?

 

Die Hund-Mensch-Beziehung basiert auf vielen Einzelerlebnissen, die in ihrer Gesamtheit idealerweise eine vertrauensvolle Beziehung herstellen sollen. Diese umfasst weit mehr Aspekte, als Lernverhalten, egal ob klassisch oder operant/instrumentell. Ohne uns dessen groß bewusst zu sein, arbeiten wir an dieser Beziehung. Sei es das gemeinsame Kuscheln auf der Couch, eine gemeinsame Entdeckungsreise durch die erwachende Natur oder auch nur so banale Dinge wie regelmäßiges Füttern.

 

Letztendlich ist eine tragfähige Beziehung zwischen Hund und Mensch dann auch die Basis, auf der Hund und Mensch in einer Angstsituation agieren. Hundehalter sollten sich daher einfach überlegen, womit sie sich wohler fühlen in der Angstsituation des Hundes. Denn aufgesetztes Verhalten ist nicht intuitiv. Arbeit am Angsthund ist primär Beziehungsarbeit. Die einen leben ihrem Hund lieber souveränes Verhalten vor („hier ist nichts, du brauchst keine Angst zu haben“) andere neigen eher zum Trösten („ich mache, dass es dir besser geht“). Letztendlich vermitteln beide Standpunkte dem Hund etwas ähnliches: Ich bin da.