Gesichtserkennung Mensch-Hund

Feel as I feel“

Emotionen bei Hunden im Vergleich mit Kindern

Vor gar nicht allzu langer Zeit war man größtenteils Meinung, Hunde und andere Tiere empfinden keine Emotionen. Das leitete sich aus einer Richtung in der Psychologie ab, die sich Behaviourismus nennt. Behaviouristen haben – zur modellhaften Vereinfachung – das Seelenleben der untersuchten Tiere ausgeklammert und beobachtbares Verhalten untersucht. Da Emotionen zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich gemessen werden konnten, ging man davon aus, dass sie für die Beurteilung von Verhalten zunächst erst einmal nicht wichtig waren. Es wurden nur damals bekannte, messbare Reaktionen erfasst. Wir reden hier von einer Zeit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Wenn wir von Emotionen sprechen, dann geht es um innere Zustände eines Lebewesens. Was wir bei Hunden augenscheinlich beobachten können sind die Körperhaltung, Gestik und Mimik, Lautäußerungen und physiologische Faktoren wie Speichelfluss, Pupillengröße, Hecheln oder ein aufgerichtetes Fell. Damit schließen wir von beobachteten äußeren Fakten auf das Innenleben. Ein Hund, der Angst hat, zieht die Maulwinkel zurück, bekommt einen starren Blick, legt die Ohren an oder zieht sie zurück und macht sich klein. Er bewegt sich zögerlicher, wendet sich ab, möchte fliehen oder flieht. Vergleicht man diese Körpersprache mit der des Menschen und unterstellt eine Emotion, spricht man von Anthropomorphismus (griechisch: anthropos – Mensch, morphe –Gestalt).

Inzwischen ist die Tatsache, dass Hunde – oder Tiere generell – fühlen können weniger strittig. Nach Panksepp (2005) geht man beispielsweise davon aus, wenn ein Stimulus bei Mensch und Tier die gleichen Reaktionen (Verhalten, physiologische und neurobiologische) hervorruft, dass gleiche Mechanismen in Mensch und Tier beteiligt sind.

Die vergleichende Psychologie widmet sich Fragestellungen, wie Menschen und andere Tierarten sich entwickelt haben und zieht daraus Schlüsse zur Evolution des Menschen. Im Fokus der Forschung sind dabei häufig die Primaten (Schimpansen, Orang-Utans, Bonobos und Gorillas). Besonders Schimpansen sind genetisch sehr eng mit dem Menschen verwandt. Erst in den letzten 20 Jahren ist immer häufiger der Hund hinsichtlich sozialer und kognitiver Fähigkeiten untersucht worden. Obwohl bereits Darwin Verhaltensweisen und Ausdrucksformen seines eigenen Hundes beobachtete und aufzeichnete, galt der Hund lange als uninteressant für die Forschung. Er sei zu stark durch den Menschen geformt worden, canides Verhalten wurde an wild lebenden Arten erforscht.

Die Domestikation des Hundes geht mit einem sehr engen Zusammenleben zwischen Mensch und Hund einher. Wenn wir im Laufe einer gemeinsamen Evolution, einer so genannten Co-Evolution verstanden haben, Emotionen bei Hunden zu erkennen, können Hunde dann auch menschliche Emotionen deuten? Welche emotionalen Kompetenzen haben Hunde, verglichen mit dem Menschen?

Der Verhaltensforscher Frans de Waal spricht 2011 davon, dass ein tieferes Verständnis der Strukturen von Emotionen in der Tierverhaltensforschung die nächste Grenze ist, die es zu überschreiten gilt. Die Erforschung hündischer Emotionen ist somit ein recht junges Forschungsgebiet. Tatsächlich finden sich in der jüngeren Literatur Arbeiten dazu, ob Hunde menschliche Emotionen lesen können. Ebenso wurde umfangreich untersucht, inwieweit Menschen dazu in der Lage sind, hündische Emotionen zu deuten.

Emotionen werden dabei unterschiedlich eingeteilt. So gibt es Basisemotionen wie Freude, Überraschung, Angst, Wut, Ekel oder Trauer. Innerhalb dieser Basisemotionen werden Untergliederungen vorgenommen. Freude kann sich auf verschiedene Weise anfühlen, beispielsweise als eine Art Aufgeregtheit oder als Zufriedenheit. Ähnlich werden auch alle weiteren Basisemotionen untergliedert. Als den Basisemotionen übergeordnete Einheiten werden Emotionen in den Kategorien Vergnügen, neutrale Emotionen und Missbehagen zusammengefasst.

Mit einer solchen groben Unterteilung in: „vergnüglich“, „neutral“ und „unbehaglich“ beginnen Kinder im Alter von zwei Jahren, sich mental die Welt zu erschließen. Dabei unterscheiden sie noch die Erregungslage. Somit gibt es quasi „schöne, aufregende“ Dinge, die sie als Aufregung verstehen und „schöne ruhige“ Dinge, bei der sie Gelassenheit empfinden. Entsprechend gibt es „unschöne, aufregende“ Emotionen wie Stress und letztendlich „unschöne, ruhige“ Gemütslagen, die sich traurig anfühlen.

Dies ist für das Verständnis der hündischen Emotionen wichtig, denn an dieser Stelle setzt auch die Erforschung der Fähigkeiten unserer Hunde an. Natürlich gibt es eine Vielzahl weiterer Emotionen. Diese werden je nach Komplexität und Kontext unterschiedlich eingeordnet. Bevor man aber untersuchen kann, ob Hunde so genannte „secondary emotions“, also höhere, zusammengesetzte Emotionen, beispielsweise Schadenfreude empfinden oder Gewissensbisse haben können, werden erst einmal grundlegende Emotionen untersucht.

Eine Emotion wie Schadenfreude, Eifersucht oder das Empfinden einer Kränkung würde sehr viele geistige Prozesse erfordern. Jemand, der Schadenfreude empfindet, hat eine innere Repräsentation davon, was er selbst und auch der andere empfindet. Zudem müsste der Hund in diesem Fall komplexe Denkprozesse vollziehen. Er müsste sich dessen aktiv bewusst sein, dass ihm ein Zustand selbst nicht gefällt und anderen möglicherweise ebenso nicht.

Würde Dackel Waldi Schadenfreude darüber empfinden, dass ein anderer Hund, der ihm den Ball gestohlen hat, angeleint wird, könnte er die folgenden geistigen Prozesse vollziehen: 1. Das war mein Ball und der andere hatte nicht das Recht, ihn zu nehmen. 2. Zur Strafe muss er an die Leine. 3. Ich selbst bin nicht gern an der Leine, der andere wird das auch nicht mögen. 4. So wie der aussieht, gefällt es ihm auch nicht. 5. Weil ich aber wütend auf ihn bin, freut es mich, dass er jetzt angeleint wird. Hier wäre eine Vielzahl von Thesen zu untersuchen (Unrechtsbewusstsein, Wissen um Besitzverhältnisse, Emotionserkennung, eine Theorie um die geistigen Vorgänge anderer und so weiter). Dennoch sind diese höheren Formen der Emotionen beim Hund in den Fokus der gegenwärtigen Untersuchungen gerückt. Dabei wird auch deutlich, dass die hinter den höheren Emotionen liegenden Denkprozesse nicht ohne weiteres von außen beobachtet werden können.

Um höhere Emotionen erleben zu können, müssten Hunde ein Verständnis von sich selbst als Individuum haben. Gallup hat dies für Schimpansen mit dem Spiegeltest nachweisen können. Dabei wurde einem Schimpansen ein roter Punkt auf die Stirn gemalt und untersucht, ob er bei Betrachten des Spiegelbildes an seinen eigenen Kopf fasst oder an das Abbild im Spiegel. Während Primaten sich an den eigenen Kopf greifen und somit verstehen, dass sie selbst im Spiegel abgebildet sind, misslang der Spiegeltest bei Hunden größtenteils. Marc Bekoff nutzte daher „gelben Schnee“ (er sammelte Schnee auf, an den entweder sein eigener Hund oder fremde Hunde uriniert hatten). Er konnte nachweisen, dass sein eigener Hund länger an den fremden Urinproben roch als an der eigenen. Bekoff schloss daraus, dass Hunde, die primär mit olfaktorischen (geruchlichen) Informationen arbeiten, ein Konzept von sich selbst als „Ich“ haben. Kindern gelingt dieser Spiegeltest im Alter von etwa 18 bis 24 Monaten, sie können sich in diesem Alter auch selbst auf Fotografien erkennen.

Fragt man Hundehalter nach der hündischen Fähigkeit, Emotionen – auch höhere Gefühlslagen wie Eifersucht, Stolz und Empathie – zu empfinden, sind viele davon überzeugt, dass Hunde das können. Einfache Emotionen glaubten 80% der Befragten zu erkennen, höhere Emotionen fast zu 60%. Eine Studie von Veronika Konok und Kollegen aus dem Jahr 2014 belegt dies und zeigt weiterhin, dass die Hundehalter Hunden die Fähigkeit zuschreiben, die gleichen Emotionen auch beim Menschen zu erkennen. Von den befragten Hundehaltern gaben etwa 70% an, Hunde würden einfache Emotionen beim Menschen verstehen, fast 30% der Studienteilnehmer waren sich auch für höhere Emotionen sicher.

Wie verstehen Kinder, die gerade dabei sind, ihre Welt in immer wieder neue Kategorien einzuteilen, die Emotionen unserer Haushunde? Können sie an den Gesichtern der Hunde die Gefühlslage der Hunde ablesen?

Racca und Kollegen prüften bei vierjährigen Kindern und bei Hunden, wie sie negative, neutrale und positive Emotionen bei Hunden und auch bei erwachsenen Menschen verarbeiten. Dabei wollten sie verstehen, in welcher Hirnhälfte diese Informationen verarbeitet werden. Wie oben erwähnt, sind die Oberbegriffe „vergnüglich, neutral und unbehaglich“ die Kategorien, mit denen zweijährige Kinder beginnen, Gefühle einzuteilen. Die Forscher wählten das Alter von vier Jahren, da Kinder in diesem Alter zunehmend lernen, Gesichtsausdrücke korrekt zu verstehen.

Für den negativen Gesichtsausdruck wählten sie einen aggressiven Gesichtsausdruck mit aufgerichteten Ohren, Nasenrückenrunzeln und gebleckten Zähnen. Das Bild mit einem positiven Gesichtsausdruck zeigt einen Hund in Erwartung von Futter. Die Kinder und auch die Hunde konnten die einzelnen Bilder für fünf Sekunden betrachten. Insgesamt zeigte sich eine unterschiedliche Verarbeitung der Bilder in den Hirnhälften. Diese wurde dadurch gemessen, in welche Richtung Hunde oder Kinder bei der Betrachtung des Bildes schauen. Hunde konnten demnach zwischen nicht-positiven (negativen und neutralen) und positiven Emotionen unterscheiden. Die Kinder schauten beim Betrachten der Bilder zunächst immer nach links. Dies spricht bei Kindern für eine Dominanz der rechten Hirnhälfte, während Hunde sich eher an den Gesichtsausdrücken orientieren. Die Forscher räumten jedoch ein, dass bis auf drei Kinder keines mit einem Hund zusammenlebte.

Untersucht man fünf- bis siebenjährige Kinder, zeigt sich, dass diese anhand von Fotos an einem Computer die Emotionen Wut, Angst und Ekel ähnlich gut wie Erwachsene erkennen können. Ein Training im Umgang mit Hunden ermöglicht es den Kindern, hündische Emotionen schneller und besser zu erkennen (Stetina und Kollegen, 2011).

David Buttelmann (2013) konnte zeigen, dass Hunde den Gesichtsausdruck des Menschen dafür nutzen konnten, verstecktes Futter zu finden. Dabei schaute der Forscher fröhlich, wenn Wurst in einer von zwei Boxen lag. Die Box mit dem Knoblauch wurde mit einem Ausdruck von Ekel betrachtet. Einen einzigen Hinweis auf den Inhalt der Boxen gab dabei der mimische Ausdruck des Versuchsleiters, den die Hunde für sich nutzen konnten.

Generell ist bekannt, dass die Emotion „Freude“ gut erkannt wird, während „Angst“ eher weniger gut entdeckt werden kann. Insbesondere das Verwechseln von Angst und Wut kann gefährlich werden, beschreiben Stetina und Kollegen.

Eine interessante Untersuchung wäre, ob Kinder durch Filme, Comics und Bücher Schwierigkeiten haben, Gesichtsausdrücke realer Hunde richtig deuten zu können. Ein Hund in einem Kinderbuch, der (nach menschlichem Vorbild) lächelt, ähnelt stellenweise einem Hund mit Angstgesicht (spitze Maulwinkel). Wie bereits oben beschrieben, ist die Erforschung hündischer Emotionen ein junges Fachgebiet, es werden weitere spannende Ergebnisse zu erwarten sein.

Erwachsene sind in der Lage, am Klang des Bellens herauszufinden, in welcher Stimmung ein Hund ist (Miklosi, 2005). Kindern gelingt es, den emotionalen Gehalt aus gesprochener Sprache zu filtern, sie können an der Stimme erkennen, ob jemand traurig oder fröhlich ist. Ein weiterer interessanter Schritt wäre, ob Kinder die Stimmung bellender Hunde erfassen können.

Die Ergebnisse vorgenannter Studien zeigen klar, dass insbesondere jüngere Kinder nicht ohne weiters die Körpersprache unserer Hunde lesen können. Besonders wenig gelingt es ihnen, wenn sie nicht mit Hunden zusammenleben. Zweijährige Kinder haben ein Verständnis von – grob gesagt – gut und schlecht, erst später differenzieren sie stärker zwischen den einzelnen Emotionen. Das beinhaltet auch, dass sie erst später, etwa ab dem Alter von fünf Jahren, zunehmend verstehen, wie sich ein Hund fühlt.

Auf die Ergebnisse aktueller Forschung zu höheren Emotionen bei Hunden dürfen wir gespannt sein, obgleich Hundehalter ohnehin davon überzeugt sind: Hunde haben unterschiedliche Emotionen und verstehen diese auch beim Menschen. Unabhängig davon, ob sich dies als haltbar herausstellt oder nicht, unsere Hunde profitieren davon, dass wir sie als fühlende Lebewesen betrachten.

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