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Konformität und Gruppenzwang

Dieser Hund ist braun.

Das stimmt nicht? Doch. Wenn ich das lange genug behaupte und auch eine Vielzahl anderer Menschen das bestätigen würden, wäre er …natürlich immer noch schwarz.

Aber bei weniger auffälligen Sachen lässt sich ein Effekt beobachten, der sich Konformität nennt. Solomon Asch* wies 1951 nach, dass Gruppenzwang eine Person in ihren Aussagen beeinflussen kann.

Asch verwendete dafür keine Hunde, sondern Linien. In einem Test wurde eine Person eingeladen, in einer Gruppe von Menschen Urteile über die Wahrnehmung von Linien abzugeben. Es wurde eine Linie gezeigt und drei weitere, von denen immer genau eine gleich lang war. Die anderen Anwesenden waren heimlich in die Vorgehensweise eingeweiht und sollten in 12 von 18 Fällen eine falsche Linie als gleich lang benennen. Dabei konnte in etwa einem Drittel der Fälle beobachtet werden, dass die einzige Testperson (die natürlich keine Ahnung von dem Schummel hatte) ebenfalls eine falsche Linie als gleich lang angab. Diesen Effekt hat man jedoch nur gefunden, wenn die Teilnehmer nicht miteinander interagieren durften.

Dabei hat man in späteren Experimenten herausgefunden, dass mehr Konformität erzeugt wurde, wenn die Gruppe größer war.

Nun wird in der Hundewelt wenig über die Länge von Strichen diskutiert. Dennoch möchte ich behaupten, dass der Effekt der Konformität insbesondere auch in sozialen Medien auftritt. Natürlich nicht bei so auffälligen Abweichungen wie einem schwarzen Hund, der angeblich braun sein soll. Dennoch werden Aussagen manchmal unkritisch übernommen oder bestimmte Diagnosen plötzlich häufiger beim Tierarzt nachgefragt. Natürlich spielen in solche Phänomene noch weitere Überlegungen und Effekte hinein (der mere exposure effekt beispielsweise, über den ich demnächst schreiben werde). Wenn so viele schreiben, ein bestimmtes Medikament sei schädlich oder eine bestimmte Trainingsmethode hundertprozentig wirksam, dann wird da schon was dran sein.

Was sagt uns das? Immer schön kritisch bleiben 🙂

*Asch (1951). „Effects of group pressure upon the modification and distortion of judgment“ In H. Guetzkow (ed.) Groups, leadership and men, Pittsburgh, PA: Carnegie Press.

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Das Denken lenken

 

Wenn man mit jemandem ein Beratungsgespräch führt, kann durch die Art und Weise der Fragestellung schon sehr gesteuert werden. Durch Suggestivfragen geben wir unbewusst Inhalte vor, die durch schlichtes Ja oder Nein zu beantworten sind („Ihr Hund hat sicherlich schon einmal grundlos gebellt“ oder etwas unauffälliger „Hat ihr Hund schon einmal grundlos gebellt?“). Hiermit rücken wir die Überlegungen des Hundehalters in eine Richtung, die er vielleicht selbst nicht eingeschlagen hätte, nur weil man ein Problem zu erahnen glaubt.

Die Schwierigkeit dabei ist, dass es dann auch genau das Problem wird. Zum „Confirmation bias“ gibt es einen sehr interessanten Artikel auf dem Blog Fluffology von Anna Pietschmann http://fluffology.de/ zu lesen. Suggestivfragen sollten vermieden werden, weil man damit eher seine innere Haltung bestätigt bekommt als wirklich herausfindet, was bei dem Ratsuchenden das eigentliche Problem ist. Das klingt auch leichter als gesagt, denn gerade bei Menschen, die wenig von sich aus erzählen, ist die Gefahr von Suggestivfragen groß. Oder dann, wenn bei dem Berater groß und leuchtend eine Lösung blinkt.

Mit etwas Übung kann man durch „W-Fragen“ (Wer, Wann, Wo, Wie, Was, Womit….) das Gespräch schon in die Richtung lenken, in die man es haben möchte. Die Kunst dabei ist, an die jeweilige Antwort wieder eine passende Frage anzuknüpfen. Das verlangt sehr viel Konzentration im Gespräch, in dem auch noch der Hund dabei ist. Neben dem Zuhören bei der Antwort formulieren wir nämlich schon die nächste Frage.

Ich möchte hier allerdings kurz auf eine Idee eingehen, die sich nur manchmal umsetzen lässt. Dafür sollte dann auch der entsprechende Hundehalter ausgesucht werden. Diese Frage kann man nicht jedem stellen, besonders dann nicht, wenn man einschätzt, seinen Kunden damit zu überfordern. Hat man aber Kunden, die Spaß am Nachdenken haben, die gedanklich flexibel sind und sich gut auf das Gespräch einlassen, kann die folgende Frage spannend sein:

Angenommen, sie würden ihr Problem verschlimmern wollen, was genau müssten sie tun?“

Diese Frage stößt gelegentlich bei Beratern auf Ablehnung. Da steht einer, der weiß eh schon nicht, wie es weitergehen soll und dann fragt man so einen Blödsinn. Als hätte der nicht genug Stress mit seinem Hund. Und hier kommt es, das bockige „Ja, aber….“

Denn die Frage hat folgenden Sinn: Der Ratsuchende soll damit überlegen, wie genau er selbst handeln müsste. Er bekommt ein Gefühl dafür, das Problem steuern zu können. Der Eigenanteil wird sichtbar, der Ratsuchende selbst ist der Handelnde, der ein unerwünschtes Verhalten zulässt, steuert, aufrechterhält. Indem er es verschlimmert (also nachdenkt, was er häufiger anwenden müsste) erkennt er seine Aktionen in einem hypothetischen Rahmen.

Die Fragestellung bezieht sich also nicht auf die Gegenwart („Was glauben sie, machen sie falsch?“) sondern auf eine Zukunft, die ja noch nicht da ist und lenkbar ist. Außerdem würde der Hundehalter ja nicht wollen, dass das Problem schlimmer wird, also hat das jetzt einen Spielcharakter. Losgelöst vom passiven Problemraum („aaargh, alles furchtbar“) bewegt der Hundehalter seine Gedanken in einen Lösungsraum, den er nicht zulassen muss.

Ein ähnliches Agieren ist in der Psychotherapie als paradoxe Intervention bekannt, die nur erfahrenden Therapeuten vorbehalten bleiben sollte. Wie schon in vorherigen Blogs geschrieben, ist es wichtig, die eigenen Grenzen zu kennen und einzuschätzen, ob man die Reaktionen des Gegenüber auch abfangen kann und möchte.

„Denken lenken“ klingt nicht schön, das klingt nach Zwang. Zwang ist im Beratungskontext allerdings nicht zielführend. Zudem werden die Fragen ja in eine Richtung führen, die dem Ratsuchenden weiterhelfen.

Wer begrenzt Zeit zur Verfügung hat, um eine Problemstellung einzugrenzen, der sollte über Techniken verfügen, schnell und zielgenau zu agieren. Andernfalls könnten die Kunden das Gespräch als nette Unterhaltung empfinden. Dafür gibt es sicherlich auch Gelegenheiten (immer dann, wenn kein Auftrag erteilt wurde, also wenn man mal nett am Rand steht und die Stunde vorbei ist).

Auch wenn sich nicht jede Technik bei jedem Kunden anwenden lässt, so ist es doch gut, eine Auswahl davon zur Verfügung zu haben, um sie im entsprechenden Moment anwenden zu können. So, und nun viel Spaß beim Ausprobieren. 🙂

 

Supervision – der Blick über den Tellerrand

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Im Dezember 2016 durfte ich auf einem Seminar selbst in den Genuss von Supervision kommen und möchte meine Erfahrungen auf den Hundebereich übertragen.

Supervision ist das Besprechen eines Falles aus unterschiedlichen Gesichtspunkten unter Anleitung. Ein erfahrener Kollege kann das anleiten oder eben jemand, der als Supervisor tätig ist.

Besonders dann, wenn

  • ein Fall besonders verzettelt scheint
  • man sich selbst im grauen Alltagstrott befindlich glaubt
  • man das Gefühl hat, zunehmend redundant nach Schema F zu arbeiten
  • die eigene Motivation bröckelt oder
  • neue Sichtweisen und Ideen gefragt sind

empfiehlt es sich, Fälle supervidieren zu lassen.

Es kann also auch der ganz normale Alltagsfall mit den entsprechenden Hürden („ich weiß nicht, wie ich Frau Meier dazu bekomme, endlich mehr Gespür für ein besseres Timing zu entwickeln…“) besprochen werden. Bei der Supervision geht es eher darum, wie man selbst mit diesen Anforderungen umgeht.

Was passiert da? Jemand, der einen Fall supervidieren lassen möchte, stellt die Situation mit eigenen Worten vor. Dabei schildert er auch, was genau das jeweilige Problem ist („es nervt mich“ oder „ich weiß nicht, wie ich es noch trainieren kann“). Hier wird sichtbar, dass bei Supervisionen auch ein hoher Anteil an Eigenreflexion gefragt ist. Supervision kann im Einzelsetting mit dem Supervisor oder auch im Gruppensetting erfolgen.

In Einzelsupervisionen kann der Supervisand sicherlich mehr auf sich selbst eingehen (Thema Vertraulichkeit), im Gruppensetting profitiert man von vielen unterschiedlichen Ansichten.

Einem systemischen Ansatz folgend hilft es auch, das Beziehungsgeflecht um Hundehalterin Frau Müller aufzuzeichnen. In den seltensten Fällen agiert ein Hundehalter alleine mit dem Hund, in der Lebenswirklichkeit spielen Partner, Kinder, Eltern, Nachbarn und Freunde wie auch andere Hundehalter eine nicht geringe Rolle.

Um nun ein Gefühl für das Agieren des Umfeldes zu bekommen, kann der Supervisor beispielhaft für Gatte, Nachbar oder Tochter der Halterin agieren. Dafür muss der Supervisor diese nicht kennen, es reicht, wenn möglichst viele unterschiedliche Sichtweisen generiert werden.  Die systemische Sichtweise geht davon aus, dass Wirklichkeiten Konstrukte im Kopf sind und somit durch Denken verändert werden können. Das Wissen um das Umfeld kann dabei natürlich einfließen.

Das hilft dabei, den Fall etwas zu „entzerren“. Zudem nützt es dabei, die Beziehungsqualität zum Klienten etwas zu „entkrampfen“. Es können neue Sichtweisen und Arbeitshypothesen ausprobiert und durchdacht werden. Außerdem ist mir aufgefallen, dass dadurch wieder etwas für die Belange der Klienten sensibilisiert wird.

Neben diesen Hilfestellungen für aktuelle Fälle dient die Supervision auch der eigenen so genannten Psychohygiene. Als Trainer oder Berater hat man idealer Weise einen unvoreingenommenen Blick. Im Alltagsgeschäft passiert es dennoch, dass man Kategorisierungen vornimmt („Wieder so ein Fall von …“). In der Supervision kann man für sich erfahren, dass Umbewertungen vorgenommen werden können.

Insgesamt war es eine sehr spannende Erfahrung, ich kann jedem raten, das für sich in Anspruch zu nehmen. Adressen von Supervisoren gibt es im Internet, ich rate dazu, auf entsprechende fachliche Erfahrung und Qualifikation zu achten.

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Hilfe, mein Kunde ist komisch!

 

Ich habe eine Weile überlegt, wie ich dieses Thema angehe. Worüber ich nicht schreiben möchte, ist, wie psychische Störungen erkannt werden. Diagnostizieren dürfen Psychologen, Psychotherapeuten und Ärzte. Letztendlich ist eine Diagnose auch nur für eine Therapieentscheidung interessant. Für Dienstleister ist die wesentlich interessantere Frage: Wie gehe ich mit diesem Menschen um?

In Seminaren lasse ich gern meine Zuhörer schätzen, wie hoch die Prävalenzrate psychischer Störungen in Deutschland ist. Prävalenz bedeutet die Anzahl von Personen, die die Kriterien erfüllen, eine Störung diagnostiziert zu bekommen. Somit also das Vollbild einer Störung. Die Antworten variieren dann oft zwischen 10 % und 80 %. Auch 100 % habe ich schon gehört, sinngemäß, irgendwie laufen wir doch alle nicht ganz rund. Aber so drastisch ist es dann auch nicht. Gemäß einer Überprüfung des Robert-Koch-Institutes aus dem Jahr 2013 erfüllen Punkt heute (Punktprävalenz) 33,3 % der Bevölkerung die Kriterien, eine klinisch bedeutsame (=behandlungsbedürftige) Störung zuerkannt zu bekommen. Jeder Dritte also. Die Wahrscheinlichkeit, im Laufe seines Lebens eine psychische Störung zu entwickeln, liegt sogar bei 50 %. Also jeder Zweite.

Rein statistisch gesehen wären in einer Gruppenstunde mit sechs Personen zwei psychisch so beeinträchtigt, dass es Behandlungsbedarf gäbe. Das ist allerdings nur eine statistische Angabe, es können in der Realität mehr oder weniger sein.

Warum Störung und nicht Krankheit? Psychologen sprechen von Störungen, Ärzte von Krankheiten. Dahinter steht ein bestimmtes Verständnis von Krankheit, das bei Ärzten sinnvoller Weise eine biologische Auffassung von Krankheit beinhaltet. Krank ist etwas, was biologisch nicht richtig funktioniert. Psychologen gehen eher von einem bio-psycho-sozialen Krankheitsbild aus. Es werden biologische Faktoren einbezogen (z.B. gestörter Neurotransmitterhaushalt), psychologische (verändertes Befinden und veränderte Wahrnehmung) und auch soziale Aspekte. Soziale Faktoren können die Rolle von Krankheit beinhalten (nicht so viel leisten können, geschont werden, nicht arbeiten gehen können usw.).

Nun hält das ICD-10 (die internationale Klassifikation von Krankheiten) eine Menge an namentlich benannten Störungen bereit. Das ist ein kategoriales System, die menschlichen Verhaltensweisen sind aber dimensional ausgeprägt. Was heißt das? Das ICD sagt Störung ja oder nein. Das wird anhand von Fakten abgeglichen. Kommen genügend Fakten zusammen (Niedergeschlagenheit, Antriebsminderung, Schlafstörungen usw.), dann wird die Diagnose vergeben. Hat jemand nicht genügend Fakten benannt, kann er sich hundselend fühlen, bekommt aber die Diagnose nicht. Zudem, wie oben beschrieben, als Hundetrainer sollte man nicht diagnostizieren.

Ich habe aus meiner beruflichen Erfahrung mal ein paar Anregungen zusammengetragen, wie man mit Kunden umgehen sollte, von denen man denkt, es könnten tiefere Probleme hinter einer Fragestellung stecken. Los geht’s.

Büchse der Pandora nicht öffnen

Ein Dienstleister sollte nur die Leistungen anbieten, die er auch abdecken kann. Die Abgrenzung ist nicht so einfach, ein Gespräch driftet manchmal in eine Richtung. „Ach wissen Sie, ich komme kaum noch aus dem Bett morgens. Es ist alles sinnlos, auch mit dem Hund komme ich kaum voran. Mir fehlt auch die Lust, zu trainieren. Mir ist alles egal geworden…“. Das Gespräch sollte dann wieder in Bahnen gelenkt werden, die sich um das Hundetraining drehen. Beispielsweise: „Was klappt denn im Moment ganz passabel, was läuft gut?“ Sieht der Klient das nicht von selbst, könnte das Gespräch auf das Verhalten des Hundes gelenkt werden. „Als Sie vorhin herkamen, lief er doch ganz passabel an der Leine…“ Wer sich zu intensiv die Sorgen der Klienten anhört, könnte zum Kummerkasten werden. Das kann anstrengend sein, zumal nicht unbedingt die richtige Hilfestellung gegeben werden kann.

Was geht – statt was geht alles nicht

Wie schon angedeutet, und das ist auch eine systemische Herangehensweise, sollte der Blick auf Aspekte gelenkt werden, die der Hundehalter, egal was ihn bedrückt, leisten kann. Letztendlich ist jede Hund-Mensch-Beziehung individuell. In diesem Fall liegt die Individualität eben in Einschränkungen auf Halterseite. Dennoch sollte vorurteilsfrei an Möglichkeiten gearbeitet werden, die machbar sind.

Die perfekte Hundehaltung gibt es ohnehin kaum. Gemäß der Standardnormalverteilung sieht es so aus, dass sicherlich einige Hunde ein perfektes Leben haben. Da stimmt alles. Die breite Masse muss hier und da Abstriche machen. Die einen haben viel Zeit, können sich aber finanziell nicht alles leisten. Andere haben viel Geld, aber wenig Zeit. Oder weder Zeit noch Geld. Einige setzen das Training schnell um und erzielen Fortschritte, andere verzweifeln am Rückruf. Dann gibt es noch Konstellationen, da kann man nur noch zur Abgabe raten. Das breite Feld in der Mitte – es sind 68 % – ist nicht perfekt aber es läuft im Alltag.

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Das Streben nach Perfektion ist im Übrigen ein Faktor, der psychisch krank machen kann. Ein „es klappt im Alltag im Großen und Ganzen“ kann daher schon ein Ziel sein, dass es zu erreichen gilt.

An sich selber denken

Für mich ist das einer der wichtigsten Punkte. Leistungsfähig im Beruf kann nur der oder die bleiben, die langfristig mit Frust und Ärger umgehen kann. Mir hilft es im Berufsalltag, mich mit Kollegen austauschen zu können. Nach 10 Jahren im Beruf ist der Austausch zunehmend weniger fachlich, dafür mehr menschlich. Auch im Job gibt es diese ominöse Standardnormalverteilung. Nicht jeder Kunde ist nur ein JAVIS- Kunde (Jung, attraktiv, verbal intelligent und sympathisch). An sich selbst zu denken heißt auch, sich von Kunden zu trennen, mit denen man nicht umgehen möchte.

Dienstleister sind Blitzableiter

Verkäuferinnen können ein Lied davon singen. Oft entladen sich Aggressionen nicht dort, wo sie entstanden sind. Das nennt sich Aggressionsverschiebung. Ein schlechtes Gespräch mit dem Chef, Herr Meier ist nicht gut drauf und hat als nächstes einen Termin beim Hundetrainer… Auch wenn es schwer fällt, man sollte nicht alles auf sich beziehen und persönlich nehmen, was einem im Berufsalltag widerfährt.

An seiner eigenen Leistungsfähigkeit sollte man deshalb nicht gleich zweifeln, wenn es bei einigen Kunden nicht perfekt läuft. Im Beruf erfüllt man eine Rolle (Hundetrainer macht, dass mein Hund perfekt hört) und die muss zu Beginn des Gespräches ohnehin geklärt werden.

Hilfsangebote benennen können

Hunde sind oft Symptomträger und problematisches Verhalten des Hundes manchmal nur das Tüpfelchen auf dem i im Leben eines Menschen, in dem einiges suboptimal läuft. Sollte die Arbeitsbeziehung so vertrauensvoll sein, dass man einem Kunden offensichtliche Probleme zurückmelden kann, kann es sinnvoll sein, Hilfsangebote zu benennen.

Der Hausarzt kann Überweisungen zum Psychologen oder Psychiater ausstellen. Psychiater haben Medizin studiert und können Psychopharmaka verschreiben. Psychologen, die therapieren dürfen, nennen sich psychologische Psychotherapeuten. Es gibt auch ärztliche Psychotherapeuten. Die Einschätzung, welche Form der Therapie am besten hilft, sollten die Fachleute selbst entscheiden. Psychotherapeuten halten fünf probatorische (Erstbehandlungssitzungen) ab und raten gegebenenfalls zu einer anderen Therapieform. Wichtig ist, auf eine Kassenzulassung zu achten. Psychotherapie wird bei einer Kassenzulassung von der Krankenkasse bezahlt und ist somit für die Patienten kostenlos.

Hilfe, mein Kunde ist komisch! Was haben wir gelernt? Psychische Störungen sind nicht selten, es betrifft 1/3 der Deutschen. Es ist kein Stigma, kann jeden treffen und es gibt Hilfsangebote. Im Training sollte man sich darauf konzentrieren, was im Moment machbar ist. Und bitte immer daran denken: Es gibt so gut wie immer jemanden, der diesem Menschen die Daumen für das Gelingen der Trainingsstunde drückt 😉

 

 

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Problemanalyse: Struktur in unübersichtliche Situationen bringen

Dackel Waldi hat heute seinen großen Tag. Er wird  aus dem Tierheim abgeholt. Zwei junge Zweibeiner packen ihn in eine Box und es geht auf ins neue Leben. Davon weiß Waldi noch nicht viel. Welche Faktoren ab sofort auf ihn einströmen, soll diese (unvollständige) Grafik verdeutlichen:

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Auf all diese Faktoren hat der Dackel kaum einen Einfluss. Er soll sich anpassen, was ihm auch in den meisten Fällen gelingt. Dabei wird deutlich, wie hoch die Anpassungsleistung unserer Hunde ist. Schon wenn nur einer dieser Faktoren nicht wirklich gut klappt, neigen Halter dazu, von einem Problem zu sprechen. Beispielsweise wenn der Hund sich vor Kindern zurückzieht oder nicht gern im Auto mitfährt.

Waldis Halter sind Studenten, haben viel Zeit für ihn und es geht ihm richtig gut. Obwohl die beiden wenig Geld haben, kaufen sie ihm hochwertiges Futter, viel Zubehör und nennen ihn scherzhaft „unser Hundekind“. Waldi fährt mit in den Urlaub, muss kaum alleine bleiben und für die stressfreie Fortbewegung wird ein uraltes, kleines Auto angeschafft.

Szenenwechsel. Sieben Jahre später. Waldis Umfeld hat sich verändert. Die beiden Studenten haben ihr Studium beendet, geheiratet und ein Eigenheim gebaut. Frau Müller ist nun schwanger und erwartet ihr erstes Kind. Herr Müller arbeitet täglich viele Stunden in einem Architekturbüro und ist nur noch selten zu Hause. Waldi ist nun neun Jahre alt.

Der Dackel wird in der Hundeschule vorgestellt, da er merkwürdiges Verhalten an den Tag legt. Hin und wieder verteidigt er seine Ressourcen, er bellt häufiger und wird zunehmend anstrengender.

Der Hundetrainer kann im ersten Gespräch sehen, dass zum Termin zwei gut gekleidete Personen erscheinen. Herr Müller bleibt wortkarg, er könne zu Waldis Verhalten nicht viel berichten, denn er arbeite recht viel. Daher beantwortet die werdende Mutter aufgeregt die Fragen zum Hund.

Es ist jetzt die Aufgabe des Hundetrainers, all die Faktoren aus der Grafik kennen zu lernen. Dafür hat der Hundetrainer einen Anamnesebogen, in den er Angaben zu den Besitzern, zu Waldi und den unerwünschten Situationen einträgt. Im Kopf strukturiert er diese Angaben und versucht, Anhaltspunkte zu formulieren.

Der erwartungsvolle Blick der Frau M – sie zahlt immerhin 60 Euro für diese Beratung – sagt: Was ist es und wie geht das schnell wieder weg?

Um Trainingsansätze zu generieren, muss der Hundetrainer jedoch erst einmal die Probleme formulieren. Für einen schnellen Überblick kann er eine Technik verwenden, die sich Mindmapping nennt.

Dazu wird ein leeres Blatt Papier quer hingelegt. In die Mitte des Blattes wird das Problem geschrieben. „Waldi verteidigt Ressourcen und fordert Aufmerksamkeit“. Von diesem Text in der Mitte, der eingekreist wird, gehen nun Strahlen ab, so wie Kinder eine Sonne malen.

An die einzelnen Strahlen werden Aspekte beschrieben, die sich aus dem Gespräch ergeben. Diese können sein: „Zeit für den Hund“, „Gesundheitszustand“, „Veränderungen“, „Alterserscheinungen“, „Beschäftigung“, „Tagesablauf“, „Schwangerschaft“, „Fütterung“ und die „bisherige Aufgabe des Hundes in der Familie“.

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Gemeinsam mit den Hundehaltern werden zu den einzelnen Aspekten die Ist-Zustände eingetragen. Diese werden direkt neben die Begriffe an den Sonnenstrahlen geschrieben.

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Mit einer anderen Farbe können nun zusammenhängende Aspekte verbunden werden.

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Aus den farblich hervorgehobenen Bereichen wird folgendes (auch für die Besitzer) erkennbar.

  1. Familie Müller hat insgesamt weniger Zeit für den Hund, was von ihnen dadurch relativiert wird, dass er älter geworden ist.
  2. Durch die Schwangerschaft verändert sich der Kinderstatus des Hundes und damit die aufgewandte Zeit für den Hund.
  3. Die Finanzen der Familie bedeuten auch für Waldi Einschränkungen. So waren die Halter nicht beim Tierarzt, da das Hinken des Hundes „nach kurzem Einlaufen verschwindet“.

Nach einem Tierarztbesuch vermeldet Frau Müller, dass dieser eine beginnende Arthrose festgestellt hat, die „ihnen gar nicht so aufgefallen ist in der Aufregung um das Kind“. Seitdem er Medikamente bekommt, sucht er nicht mehr so viel Aufmerksamkeit. Der Hundetrainer kann jetzt seine Beratung fortführen.

Das mindmapping eignet sich dazu, Zusammenhänge zu erkennen. Die Veränderungen durch die Schwangerschaft waren sehr offensichtlich und wären möglicherweise als erstes in den Fokus gerückt. Vielleicht wäre die Arthrose weiterhin übersehen worden.

Diese Geschichte über den Dackel ist frei erfunden. Sie soll nur verdeutlichen, dass – einem systemischen Ansatz folgend – sehr viele Faktoren Auswirkungen auf Verhalten haben. Mit dem mindmapping können diese bildlich festgehalten und strukturiert werden.

 

 

 

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Gesprächsführung für Hundedienstleister III

Woher weiß ich, wie weit der Hundehalter selbst schon in der Lösung seines Problems vorangeschritten ist? Wie kann ich Veränderungen sichtbar messen? Kann der Hundehalter an der Lösung seiner Probleme selbst beteiligt werden?

Wie man Verhaltensänderungen messen kann, wird Inhalt dieses Beitrages sein. Ein Ziel zu benennen, welches erreicht werden soll, fällt relativ leicht. Das ist das Anliegen, welches der Kunde im ersten Gespräch schildert. „Keine Hunde mehr anbellen.“ oder „Nicht mehr jagen gehen.“ So oder ähnlich lauten die Formulierungen der Hundehalter.

Wenn ein Hundehalter sich entscheidet, ein Problem mit Hilfe eines Hundetrainers zu lösen, kann schon einiges an Selbstversuchen vorangegangen sein. Nicht selten fungiert der Hundetrainer als „Strohhalm“, der den Karren aus dem Mist ziehen soll. Andere Kunden wiederum fragen bereits dann nach, wenn sich ein Problem noch nicht „manifestiert“, also verfestigt hat. Es wäre also aufschlussreich, zu wissen, wie der Hundehalter das Problem selbst einschätzt.

Das Messen von Verhalten hat in der Psychologie einen hohen Stellenwert. Letztendlich sollen kaum greifbare Faktoren wie das Empfinden eines Menschen in Zahlen umgewandelt werden. Verhaltensweisen wird eine Zahl zugewiesen.

Wir wollen das subjektive Empfinden des Hundehalters erfassen. Wie schätzt er selbst – unabhängig von anderen Meinungen – seinen Trainingsstand ein. Dazu wird der Hundehalter einfach gefragt. Bei seiner Antwort soll er sich an einer Skala von eins (= Problem ist sehr stark vorhanden) bis zehn (= Problem ist verschwunden) orientieren.

Wichtig ist, den vom Halter eingeschätzten Zustand zunächst nicht zu korrigieren. Dackel Waldi springt permanent an Inge Müller hoch. Er zwickt sie in den Ärmel, weil er keine Aufmerksamkeit bekommt. Sie vergibt eine sieben? Mischling Bolle schaut Ursel Meier aufmerksam an und sie skaliert ihn bei drei? Wichtig ist, dass wir den Halter „dort abholen, wo er steht“. Es geht darum, das Ziel des Hundehalters zu erreichen.

Schauen wir uns die Arbeit mit einer solchen Skala von eins bis zehn (den Vorgang nennt man Skalierung) einmal an. Zunächst werde ich Überlegungen zu einigen Antwortmöglichkeiten geben. Danach werde ich zeigen, wie man mit einer solchen Skala arbeitet.

Skalenwert eins

Wer ein umfassendes Problem wahrnimmt, verfällt in einen Problemfokus. Läuft etwas störungsfrei, wird dies kaum wahrgenommen. Daher wird der niedrigste Wert benannt, wenn das Problem für den Halter einen sehr großen Raum einnimmt.

Mit offenen Fragen kann erfragt werden, in welchen Situationen sich der Hund zufrieden stellend verhalten hat. („Wann waren Sie denn einmal richtig stolz auf ihn?). Je nach Antwort ist so auch etwas über die generellen Ansprüche des Hundehalters zu erfahren.

Der Hundehalter sollte dazu angeleitet werden, gewünschte Verhaltensweisen aktiv zu beobachten. Diese Momente können in einem Trainingstagebuch aufgezeichnet werden. Dadurch wird der Fokus wieder auf das Gesamtverhalten gelenkt.

Skalenwert zwei

Auch wenn eine zwei zunächst erst einmal sehr negativ erscheint, es gibt einen wesentlichen Ansatzpunkt: Es muss schon – wenngleich minimale – Erfolge gegeben haben. Was genau hat den Halter bewogen, eine zwei statt einer eins zu vergeben? Was lief in diese Momenten gut? Diese Situationen gilt es einzufangen. Was hat funktioniert? Wie genau ist der Halter in einem solchen Augenblick vorgegangen? Kann er häufiger so handeln?

Skalenwert fünf

Dieser Wert zeigt zunächst auf, dass in der Vergangenheit bereits erwünschte Situationen beobachtet wurden. Allerdings positioniert sich der Halter in der Mitte. Eine Tendenz in den negativen oder positiven Bereich kann so nicht festgestellt werden. Man sollte hier bitten, sich eher (tendenziell) für eine vier oder eine sechs zu entscheiden. Dies gilt nur für die Erfassung des Anfangszustandes, nicht aber später für die Arbeit mit der Skala.

Skalenwert über fünf

Bei einem Skalenwert über fünf ist der Leidensdruck des Halters nicht sehr hoch. Zum einen kann dies für bereits gelungenes Training sprechen. Der Halter konnte sich selbst helfen und benötigt nun entscheidende Hinweise, wie er weiter agieren kann.

Andererseits kann ein hoher Wert auch dafür sprechen, dass ein Problem nicht unbedingt wahrgenommen wird oder vom Halter nicht ernst eingeschätzt wird. („Der Artax ist ein ganz lieber, ich weiß auch nicht, warum er mich immer wieder anknurrt.“). Hier ist es dann Aufgabe des Trainers, den Halter zu sensibilisieren. Eine Skalierung kann am Ende einer Beratungsstunde wiederholt werden, wenn die anfängliche Einschätzung zu unrealistisch scheint.

Arbeit mit Skalierungen

Der Hundehalter hat das Ausmaß seines Problems nun auf einer Skalierung markiert. Der nächste Schritt wäre die Beschreibung, wie das Leben mit dem Hund bei einer zehn aussehen würde. Das ist die Situation, wenn das Training vollumfänglich Erfolg zeigt. Der Hundehalter soll nun ausführlich beschreiben, wie er sich das Zusammenleben mit seinem Hund bezüglich des Problems wünscht. Dabei visualisiert er innerlich positive Zustände. Im nächsten Schritt werden für die anderen Ziffern Teilziele besprochen. Die Skala kann dabei mit Prozentangaben verwendet werden. Eine fünf wäre, wenn das unerwünschte Verhalten dann in etwa der Hälfte der Situationen auftritt.

Wer nicht mit Prozenten arbeiten möchte, kann mit den Zahlen konkretes Verhalten verbinden. Eine fünf könnte dann vergeben werden, wenn der Hund nicht mehr bellend zur Tür läuft, sondern ruhig bleibt (statt auf seinem Platz zu  liegen). Diese Verhaltensetappen sollen gemeinsam mit dem Hundehalter erarbeitet werden. Es handelt sich dann um Wunschzustände, die der Halter selbst benannt hat. Die Motivation, an den einzelnen Schritten zu arbeiten ist höher, da es die Wünsche des Halters (und nicht des Trainers) sind.

Konkrete Schritte benennen

Hat sich der Halter bei einer Ziffer positioniert, werden erste klare Handlungsoptionen erarbeitet, wie die nächste Zahl erreicht werden kann. Nach einem Beratungsgespräch kann es daher sinnvoll sein, vom Halter umsetzbare Maßnahmen benennen zu lassen. An welcher Stelle kann er konkret aktiv werden, um statt einer drei eine vier zu erreichen? Wie häufig kann er diese konkrete Aufgabe in seinem Alltag umsetzen? Kann er sein Umfeld überzeugen, in gleicher Weise mit dem Hund zu arbeiten?

Schriftlich festhalten

Die Skalierung sollte schriftlich festgehalten werden. Bilder sprechen das Unterbewusstsein an und wirken stärker, als gehörte Informationen. Die Skala kann vom Trainer vorbereitet werden. Den Wert sollte der Kunde selbst einzeichnen. Er nimmt die Einschätzung dann eher für sich selbst an, da er selbst aktiv eine Zahl gewählt hat.

Ein Weg statt schneller Lösungen

Die Skalierung hat den Vorteil, dem Hundehalter einen Weg aufzuzeigen. Statt einer Vanillelösung (schön, billig und leicht zu erreichen) wird optisch sichtbar, dass das Trainingsziel aus vielen kleinen Entscheidungen besteht. Diese Handlungen müssen aktiv vom Hundehalter umgesetzt werden. In weiteren Trainingsstunden kann somit sehr gut gemessen werden, ob der nächste Meilenstein erreicht wurde.

Reaktionen des Halters abfangen

Ich habe in Beratungssituationen erlebt, dass Menschen sehr emotional auf die Skalierung reagieren können. Eine unspezifische Unzufriedenheit mit einer Situation wird dadurch klar aufgezeigt. Das Ausmaß wird sichtbar, ebenso die Länge des Weges zum Wunschzustand.

Der Hundehalter sollte angeleitet werden, sich auf positive Aspekte konzentrieren, kleine Fortschritte deutlich wahrzunehmen und verinnerlichen, dass er auf dem Weg ist, diesen Zustand zu ändern. In diesen Situationen kann auch besprochen werden, dass ein Trainingsziel zu hoch gesteckt wurde.

Nur Verhalten skalieren lassen, das man bearbeiten möchte

In Beratungssituationen spielen neben Verhaltensweisen des Hundes sehr viele Faktoren eine Rolle. Hundetrainer sind daher nicht selten mit vielfältigen menschlichen Problemlagen konfrontiert. Häufig ergeben sich Probleme erst dadurch, dass sekundär (im häuslichen Umfeld, im Arbeitskontext oder in der allgemeinen Lebenszufriedenheit) etwas nicht gut funktioniert. Skalierungen lassen sich natürlich nicht nur im Hundetraining einsetzen, man könnte gleichfalls Lebenszufriedenheit, Veränderungsmotivation oder den Gesundheitszustand des Halters einschätzen lassen. Dabei möchte ich raten, nur mit Aufgabenfeldern zu arbeiten, die man auch selbst fachlich abfangen kann und möchte.

 

In meinen nächsten Beiträgen wird es um eine Methode gehen, wie man Struktur in unübersichtliche Situationen bringen kann. Darüber hinaus werde ich einen Blog zu psychischen Problemen bei Hundehaltern schreiben.

 

 

 

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Gesprächsführung für Hundedienstleister II

In diesem Blog wird es um ein paar grundsätzliche Gedanken zur Verhaltensänderung gehen. Die Grundannahmen sind aus lösungsorientierten Ansätzen entlehnt und es fließen eigene, praktische Erfahrungen ein.

Der Begriff lösungsorientiert sagt schon, dass man sich im Beratungsgespräch auf die Lösung orientiert. Das klingt zunächst plausibel, jedoch meinen viele Kunden, ihr Problem sehr exakt in allen Facetten schildern zu müssen, damit der Berater das auch ganz genau in jedem Detail versteht. Mir geht es nach Jahren in der Beratung eher so, dass ich punktuell zuhöre. Denn während wir zuhören, müssen wir gleichzeitig noch andere Denkprozesse vollziehen. Strategien ersinnen, Schlagwörter speichern, Fragen formulieren und auf Körperhaltung und Gesichtsausdrücke achten.

Interessant ist es, dem ersten Satz im Gespräch genau zuzuhören. Die Hundehalter sagen das, was ihnen am meisten auf der Zunge brennt. „Puh, also ich bin völlig verzweifelt.“  Auch ein „eigentlich ist es gar nicht so schlimm, aber…“ sagt etwas über den Hundehalter aus.

Die Lösung  im Fokus halten

Wie schon erwähnt haben viele Hundehalter einen Leidensdruck. Der ist nicht unerheblich und hat sie veranlasst, Geld dafür zu bezahlen, sich helfen zu lassen. Daher ist es auch wichtig, den Hundehalter zu Wort kommen zu lassen. Das punktuelle Zuhören soll nicht die Geschichte des Hundehalters herabwürdigen. Die ist ihm wichtig. Es ist eher so, dass sich im Kopf Ansatzpunkte herauskristallisieren. Lösungsorientiertes Vorgehen setzt dort an, wo mal etwas funktioniert hat. Bittet man den Hundehalter, zu erklären, was alles funktioniert, werden die Antworten schon zögerlicher kommen.

Hat der Halter für sich entschieden: Mein Hund ist nun mal kompliziert, so fällt es durchaus viel leichter, weitere Probleme zu benennen. Auch zu dem jeweiligen Problemverhalten wird es Situationen geben, in denen das Problem einmal nicht aufgetreten ist. „Mein Hund bellt immer“ oder „er hört nie“ sind Verallgemeinerungen (die uns allen durchaus leicht fallen). Die Situationen, in denen der Hund nicht bellt gilt es zu erfassen. Was sind die Begleitumstände? War der Hund satt, war er müde oder gerade mit seinem Ball beschäftigt? War der Halter entspannt, abgelenkt oder hatte gute Laune? Wenn etwas funktioniert, sollte dies häufiger getan werden. Diese „es funktioniert“ –Momente werden in den Fokus gerückt.

Ist der Hundehalter der Meinung, sein Hund würde wirklich immer bellen (die Sicht auf die Lösung ist ihm versperrt), kann es helfen, andere gut funktionierende Situationen genauer zu betrachten. Wie verhält sich der Hund dann, der Halter usw.

Die Erlebenswelt des Hundehalters

Die Situationen, in denen Probleme nicht aufgetreten sind, entstammen der Erlebenswelt des Hundehalters. Und auch genau da muss angesetzt werden. Auch das klingt zunächst einfacher als es ist. Als Berater hat man einen wunderbar unbeteiligten Blick auf eine Situation. Wir würden wissen, was zu tun ist, um das Problem zu beheben. Dabei müssen wir aber bedenken, dass der Hundehalter das mit seinen Mitteln, in seinem Umfeld und mit seiner Fähigkeit lösen muss. Das reine benennen einer Lösung (selbst bei einfachem Management wie „Hund anleinen“) hilft noch nicht, das Problem zu lösen. Er muss es nämlich in seiner Erlebenswelt umsetzen können. Er muss es auch dann umsetzen, wenn er aufgeregt ist, wenn er krank ist oder wenn der Gatte rät „jetzt lass doch mal den Hund“.

Wenn ein Hundehalter zum Training kommt, trifft dessen Erfahrungsschatz, Lerngeschichte, Persönlichkeit und seine Genetik auf all diese Komponenten beim Hundetrainer. So pathetisch soll das gar nicht klingen. Es soll nur eines klar werden: Lösungen von außen müssen erst in das Leben des Hundehalters integriert werden. Einfacher ist es für den Hundehalter, wenn er selbst auf die Lösung kommt. Der Berater leitet ihn mit Fragen zu diesem „Aha-Effekt“.

Hierfür mal ein Beispiel: Inge Müller kommt mit Schnauzerrüde Rocco. „Der bellt mir zu oft“ wäre eine Situation, die sie benennt.

Frage: „Wie verhalten Sie sich denn, wenn er bellt“

Antwort: „Na ich schimpfe laut, aber der reagiert gar nicht auf mich.“

Frage: Was machen Sie denn, wenn er wieder leise ist?

Anwort: „Dann bin ich froh, dass endlich Ruhe ist.“

Frage: „Was genau tun Sie dann?“

Antwort: „Na was soll ich da groß tun, ich mache weiter den Abwasch“.

Kurze Zusammenfassung: „Ok, also ich verstehe das so, dass sie ihn ansprechen, wenn er bellt und ignorieren, wenn er nicht bellt, ist das so richtig?“

Antwort: „Ähm, ja, genau. Und ich will, dass er einfach nur ruhig ist.“

Frage: „Was würden Sie sagen, wann genau er ihre Aufmerksamkeit bekommt?“

Antwort: „Hhm, wenn er bellt. Aber da schimpfe ich, das kann er ja nicht gut finden!“

Frage: „Und wenn er nicht bellt, was bekommt er dann?“

Antwort: „Hhm, stimmt eigentlich, dann hat er ja gar nichts davon.“

Frage: „Was könnten Sie denn tun, wenn er sich leise verhält?“

Antwort: „Ich könnte ihm eine Scheibe Wurst geben, die mag er so gerne“…

Inge Müller wird ihrer Freundin aufgeregt am Telefon erzählen, dass es ihr erst mal bewusst geworden ist, dass sie das bisher völlig falsch angegangen ist und nun immer Wurst geben wird, wenn Rocco ruhig bleibt. Würde man ihr sagen: „Wurst wenn er ruhig ist“ wäre ihre Antwort lapidar: „Die hat gesagt, ich soll Wurst geben, wenn er ruhig ist.“

An dieser Stelle kann dann auch zur Untermauerung Lernverhalten erklärt werden, an exakt diesem Beispiel. Die Frage „Was können Sie statt Wurst noch tun?“ lässt weitere Ressourcen ins Blickfeld rücken (spielen, streicheln usw.).

Never change a running system

Jeder hat für sich so seine Vorstellungen, was schön ist und was nicht. In der medialen Welt wird viel kommuniziert, was für den Hund schön ist und was vermieden werden sollte. Das passt nicht in jedem Fall zusammen.

Auch ich habe in Beratungsgesprächen mehr als einmal gedacht: „Nee, das würde ich keine fünf Minuten aushalten.“ Wichtiger für das Problem des Kunden ist aber, was für ihn funktioniert. Nehmen wir mal den Hundehalter Herr Dreizack, der freudig und mit strahlendem Blick erzählt, er entspannt zusammen mit seinem Hund beim Angeln. Auch wenn der Gedanke „Fischmörder“ aufploppt, hilft es ihm nicht, wenn wir raten: „Och, gehen sie doch lieber in den Wald, das entspannt auch.“

Der Hundehalter sucht eine Lösung für sein Problem und muss hierfür schon genügend Veränderung in Kauf nehmen. Wollen wir ihm nun unsere Lebensphilosophie aufstülpen, werden wir nicht immer auf vollumfängliche Zustimmung stoßen. Geht der Hundehalter mit einer langen To-Do Liste aus dem Gespräch, was ab heute alles anders laufen soll, ist er überfordert.

Situationen, Einstellungen oder Handlungen, die gut laufen, sollten – so lange es vertretbar ist – nicht verändert werden.

Damit die To-Do Liste des geneigten Lesers jetzt nicht zu lang wird, werde ich an dieser Stelle aufhören.

Kurz zusammengefasst:

  • Dort ansetzen, wo in der Vergangenheit etwas funktioniert hat
  • Den Halter durch Fragen selbst auf die Lösung bringen
  • Akzeptieren statt philosophieren

Im dritten Blog zur Gesprächsführung wird es darum gehen, wie mit dem Hundehalter sukzessiv eine umfänglichere Veränderung angegangen werden kann. Dazu werde ich eine Methode vorstellen, mit der man Veränderungen „messbar“ machen kann.

 

 

 

 

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Gesprächsführung für Hundedienstleister I

Haben Sie sich schon mal gefragt, wie ihre Kunden nach ihrer gemeinsamen Trainingsstunde weiter verfahren? Was geht ihnen durch den Kopf, was haben sie aus der Stunde wirklich mitgenommen? Wie reagiert das Umfeld auf die Veränderungen?

Auch wenn man selbst nicht einem systemischen Ansatz folgt, ist alles in Systeme eingebettet. Selbst wenn es im Training gelingt, neues Wissen zu etablieren, kann viel dazwischen kommen, so dass die Trainingseinheit im Nirvana verpufft. Es reicht zum Beispiel aus, wenn Inge Müller freudig ihrer Freundin vom Training erzählt und diese sagt, das sei alles Blödsinn.

Ich habe mir überlegt, etwas zur lösungsorientierten Gesprächsführung zu schreiben. Das werde ich in drei Teile aufteilen. In Teil I wird es um den Gesprächsbeginn gehen und um die Wichtigkeit von Zielsetzung. Der zweite Teil wird sich mit wichtigen Bausteinen der lösungsorientierten Gesprächführung befassen und in Teil III wende ich mich der Frage zu, wie Veränderungsmotivation aufgebaut werden kann.

Mein Psychologiestudium habe ich im März 2007 beendet und seit dem führe ich im Berufsalltag Gespräche. Wie man das richtig bewerkstelligt, habe ich erst viel später erfahren. Zum einen habe ich etwas Erfahrung in den fast zehn Jahren sammeln können. Andererseits habe ich Wissen auf Weiterbildungen erlangt. Beides möchte ich nun in den Hundetrainerkontext einbetten.

Einer meiner Anfängerfehler war, dass ich in so einem Beratungsgespräch viel Wissen mitgeben wollte. Also habe ich gleich von Anfang an viel erzählt. Es sollte sich ja auch lohnen.

McGuire beschreibt ein Informationsverarbeitungsmodell. Demnach muss eine Information: Aufmerksamkeit erregen, verstanden, akzeptiert und beibehalten werden, damit sie sich im Verhalten etabliert. Sprich also, um einen Tipp umzusetzen, muss er erst einmal für interessant befunden werden. Er muss auch richtig verstanden worden sein und auf die Akzeptanz des Hörers stoßen. Zu viele Informationen sollten in einem Beratungsgespräch nicht gegeben werden. Während die Tatsachen auf den Halter einprasseln, ist er vielleicht noch bei dem Gedanken, ob er den ersten Hinweis akzeptiert oder gar verstanden hat.

Wie kann man nun also ein Gespräch besser beginnen, als sich gleich in die Wissensvermittlung zu stürzen?

Anliegenklärung

Ein ganz wichtiger erster Schritt im Gespräch ist die Klärung der Rolle der Beteiligten. Welche Erwartungen hat der Hundehalter an das Training und die Trainingseinheit? Ein Hundetrainer kann sich eine Situation neutral anschauen. Er kann zielgerichtet Hinweise geben. Aber er kann in den seltensten Fällen in einer Stunde das Verhalten des Hundes komplett ändern. Das muss der Halter schaffen, mit Hinweisen, die er im Training erfährt. Dafür muss der Halter auch außerhalb der Trainingseinheit etwas tun. Diese Aufgabenverteilung muss klar sein.

Zeitrahmen

Es ist ebenso wichtig, den Zeitrahmen zu benennen. Zunächst für das Gespräch. Wurden 60 Minuten gebucht, sollten diese nicht kostenlos weit überzogen werden. Das kann auch bedeuten, dass man Themen auf einen nächsten Termin verschiebt. Zudem kann es sinnvoll sein, zu erfragen, zu wie vielen Trainingsstunden der Hundehalter bereit wäre. Auch der Zeitrahmen, bis wann eine Verhaltensänderung realistisch angestrebt ist.

Zielklärung

„Mein Hund soll nicht mehr an der Leine ziehen“. Dieses Ziel ist schnell benannt. Aber was wird statt dessen vom Hund gewünscht? Dieses „nicht an der Leine ziehen“ kann sehr unterschiedlich aussehen. Die Erwartung des Halters ist zu erfragen, wie genau für ihn das „nicht mehr ziehen“ aussieht. Soll der Hund hinter dem Halter laufen, neben dem Halter?

Soll er sich frei bewegen dürfen, nur dass er von selbst darauf achtet, dass kein Zug auf die Leine entsteht? Was soll er dann machen? Langsamer laufen? Stehen bleiben? Je genauer der Halter den Wunschzustand beschreibt, desto mehr konzentriert er sich auf die Lösung. Er bewegt den Blick vom Problemfokus zum Lösungsfokus.

Weiterhin sehr wichtig für die Gesprächsführung ist eine Zielklärung für das jeweilige Gespräch. Was genau möchte der Halter aus diesem Gespräch mitnehmen? Hier müssen die Ziele manchmal angepasst werden.

Nicht selten verzichten die Hundehalter auf etwas anderes, um Geld für das Hundetraining zu haben. Die Erwartungen sind dann natürlich hoch. Dafür ist die Problempalette in der Hund-Halter-Interaktion oft breiter als gedacht. Hinter dem „an der Leine ziehen“ liegen oft weitere Probleme, die vom Halter nicht erkannt werden (geringe Frustrationstoleranz, mangelnde Kommunikation, Ängste usw.). Also sollte geklärt werden, was ein Ergebnis dieses einen Gespräches sein kann, mit dem beide Parteien zufrieden sind.

Sprachlich anpassen

Wer sich viel fachlich mit Hundethemen auseinandersetzt, nimmt dabei Fremdwörter auf, die schnell in den allgemeinen Sprachgebrauch übergehen. Je nach Gegenüber kann das zu Verwirrungen führen. Die Information muss verstanden werden (McGuire). Es kann daher sinnvoll sein, den eigenen Sprachgebrauch dem Hundehalter anzupassen.

Selbst in Gesprächen mit Fachleuten kann es sinnvoll sein, zu hinterfragen, was mit den einzelnen Fachbegriffen gemeint ist. Gleiches gilt für medizinische Diagnosen. Hat ein Fachmann die Hyperaktivität diagnostiziert oder ist es eine Annahme des Halters, die er durch Lesen im Internet herausgefunden hat?

Zwischenstände „festhalten“

Hundehalter, die an einem Problem arbeiten möchten oder müssen, haben oft einen Leidensdruck. Sie wollen im Gespräch ihr Problem schildern. Es interessiert sich jemand für ihr Problem und ihre tägliche Anspannung wegen dieser Situation. Der Hundehalter hinterfragt und der Halter erzählt daraufhin noch mehr.

Es kann sinnvoll sein, nach einigen Minuten einen Zwischenstand zusammenzufassen: „Ok, ich habe das so verstanden, dass….“. Mit diesem Zwischenfazit kann man den Halter auch gut aus dem „Problemtrance“ herausholen. Das ist ein Zustand, bei dem sich der Halter in das Klagen über das Problem festreden kann. Im Anschluss an die Zusammenfassung kann der Fokus bereits gut auf erste Lösungen gelenkt werden. Hierfür ein Beispiel: „Ok, ich habe das so verstanden, dass Struppi ihnen jedes mal fast den Arm rausreißt, wenn er etwas zu schnüffeln findet. Wenn er einen anderen Hund sieht, zerrt er noch mehr an der Leine und achtet auch nicht auf ihr Rufen. Wenn er an der Leine läuft und zerrt, nimmt er sie überhaupt nicht wahr. (Problemraum). Gibt es denn Situationen, in denen der Hund auch mal entspannt an der Leine läuft? (Lösungsraum).

An dieser Stelle kommen wir schon zu der Arbeitsweise, die im Teil II beschrieben wird.

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Beziehungstypen in der Beratung

„…ich würde ja, aber….“

 Wer mit Menschen beratend arbeitet – also auch Hundetrainer, Tierärzte und andere Hundedienstleister – wird es kennen: Ein neuer Klient hat einen Termin vereinbart und es kommt zum ersten Beratungsgespräch. Noch ist alles offen und man schaut gespannt, wie das Gespräch verlaufen wird.

Es ist dann noch nicht bekannt, wie gut mit dem Klienten zusammengearbeitet werden kann. Manchmal hat man das Gefühl, jemand nutzt einfach die Gelegenheit, mal so richtig Dampf abzulassen. Ein anderer nimmt das Gesagte wiederum dankbar auf und es entsteht das Gefühl, man könne wirklich gut kooperieren. Wieder andere nicken und lächeln, aber so richtig entsteht keine Arbeitsatmosphäre.

In der Psychotherapie ist der wichtigste Wirkfaktor eine gute Therapeuten-Klienten-Beziehung. Um abzutesten, ob diese aufgebaut werden kann, gibt es fünf probatorische Sitzungen, erst dann geht die Therapie richtig los. Den Luxus von fünf Terminen zum Beziehungsaufbau haben Hundedienstleister oft nicht. Hier muss es schneller gehen und es gibt Werkzeuge, an denen man sich schnell orientieren kann.

Steve DeShazer, welcher die lösungsorientierte Kurzzeittherapie „erfand“, unterscheidet drei Beziehungstypen in der Beratung: den Klagenden, den Besucher und den Kunden. Natürlich ist das keine Diagnostik am Menschen sondern eher eine Analyse der Beziehungsqualität zum Klienten. Diese kann man natürlich auch verändern, sie hängt allerdings von beiden Parteien ab.

Nun könnte man die Frage einwenden, ob das nicht etwas banal ist, Menschen in eine dieser drei Gruppen zuzuordnen. Meine Erfahrung sagt mir, dass diese Einordnung in erster Linie natürlich nur grob ist und auch eher der eigenen Psychohygiene gilt. Es wird nicht gelingen, jeden Kunden für seine Sache zu begeistern und das liegt nicht immer an einem selbst.

Schauen wir uns die drei Beziehungstypen einmal an:

  1. Frau Meyer erzählt, ihr Mann habe ihr aufgetragen, mit Hund Struppi mal zur Hundeschule zu gehen. Sie sieht das ja alles nicht so eng, aber ihr Mann möchte, dass der Hund weg kommt, wenn er nicht endlich hört. Der Mann hat ein paar Punkte benannt, die ihn stören. Er selbst möchte nicht mit zur Hundeschule kommen, für so etwas habe er keine Lust. Daher kommt Frau Meyer, auch wenn sie nicht wirklich was verändern möchte. Hier handelt es sich um einen Besucher.

Wie geht man nun mit einem Besucher um? Ein Besucher hat kein wirkliches Anliegen und somit kaum Veränderungsmotivation. Zunächst sollte man sich Zeit nehmen, ihre Geschichte genau anzuhören. Die Befragung sollte sich dahin wenden, wie es zu dem Termin gekommen ist, an welchem Punkt der Mann gesagt hat, sie soll jetzt einen Termin beim Trainer vereinbaren. Welche Verhaltensweisen zeigt der Hund und wie bewerten sie Mann und Klientin unterschiedlich. Wie würde es weiter gehen, wenn Struppi nicht schnell Gehorsam erlangt. Welcher Zeitrahmen ist dabei vorgesehen.

Der Berater sollte freundlich bleiben. Handlungsaufforderungen („Probieren Sie mal dies oder das“) werden nicht fruchten. Hier bietet es sich an, nachzufragen, was für Frau Meyer ein Ziel sein könnte, das sich auch für sie lohnt (vielleicht nervt sie ja heimlich doch etwas an ihrem Hund). Hunde sind oft Symptomträger familiärer Probleme, die ein Hundetrainer nicht lösen kann. Je nach Entwicklung des Gespräches kann eine Beratung zur Abgabe des Hundes sinnvoll erscheinen. Sollte sich Mitwirkungsbereitschaft abzeichnen, kann der Berater weiterführende Angebote (Spielgruppen, Dummytraining, Agility usw. ) unterbreiten und so vielleicht im Verlauf eine Beratungsebene herstellen. Idealerweise gelingt es, Frau Meyer für ein Problem zu sensibilisieren, an dem sie selbst arbeiten möchte.

  1. Frau Müller kommt zu ihnen in die Hundeschule. Sie hat bereits einige Anläufe unternommen, war bei mehreren Trainern der Stadt. Auf den Tisch stellt sie homöopathische Kügelchen, die dem Hund Max verschrieben wurden, die aber alle nichts nützen. Ihr Wissen um die Ängstlichkeit ihres Hundes ist bereits angewachsen, vieles hat sie sich im Internet angelesen. Ihren Standpunkt zu dem Verhalten des Hundes kann sie klar benennen. Sie weiß auch, was das Problem ist. Aber die Nachbarskinder sind immer so laut. Das machen die extra, sicherlich, weil sie mal darum gebeten hat, leiser zu sein. Der Hund ist etwas dicker, das ist die Schuld ihrer Mutter, die füttert oft heimlich Wurst. Würden draußen nicht ständig unangeleinte Hunde auf ihren Hund zulaufen, würde auch die Leinenführigkeit besser klappen. Würden Jogger oder Radfahrer mehr Rücksicht nehmen, könnte sie sich auch auf die Tipps konzentrieren, die sie bereits bekommen hat. Aber nun ist sie ja beim Hundetrainer und erhofft sich, die Probleme schnell lösen zu können. Frau Müller ist eine Klagende.

Wie geht man mit Klagenden um? Klagende kommen mit der Hoffnung, dass jetzt alles besser wird, weil sie den Hundetrainer gewechselt haben. Sie selbst sehen bei sich keinen Anlass zur Veränderung, dabei wollen sie Veränderung: der Hund muss sich ändern, das Umfeld, der Staat oder das System. Es soll was mit dem Hund „gemacht“ werden, damit alles besser klappt. Dies haben die anderen Trainer bisher verbockt aber nun ist ja alles anders.

Zunächst sollte man sich bewusst machen, dass es auch ohne eigenes Zutun dazu kommen kann, dass man in die Riege der bereits besuchten, unfähigen Trainer aufsteigt. Die Erwartung ist hoch und kaum erfüllbar. Zunächst sollte man – ja, das kann richtig nerven – zuhören. Die Hundehalterin hat einen Leidensdruck und den sollte man auch würdigen. Das kann bedeuten, der Halterin zurückzumelden, dass sie es wirklich schwer hat. Sie fühlt sich dann verstanden. Trainingstipps wird sie bereits ausgeführt haben (zwei oder drei mal…) aber die haben alle nicht geholfen. Oft kommt in dieser Phase auch ein „Ja, aber…“

Hier kann man den Umgang mit dem Hund genau hinterfragen und so Situationen herauskristallisieren, die Frau Müller die Wirksamkeit ihrer Handlungen aufzeigt. („Wie verhält sich ihr Hund, wenn sie selbst völlig entspannt sind?“ „Wie verändert sich das Verhalten des Hundes, wenn sie selbst zunehmend gestresster sind“). Beobachtungen werden hinterfragt. Entsprechend kann man auch Hausaufgaben aufgeben, bei denen sich die Halterin selbst in verschiedenen Situationen beobachten soll. Bei der Definition des Trainingszieles ist es wichtig, realistische Ziele zu vereinbaren und den Veränderungsanteil der Halterin klar zu benennen.

  1. Frau Schulze kommt in die Hundeschule, da sie die Leinenaggression ihres Hundes Rambo klar erkannt hat. Sie möchte diesen Zustand ändern und ist auch bereit, dafür zu trainieren. Dafür hat sie sich schon Zeiten herausgesucht, in denen sie ohne viel Hundesichtung laufen kann. Sie möchte jetzt Informationen, wie sie mit ihrem Hund in Konfliktsituationen umgeht. Ihr ist klar, dass sie selbst an dem Problem arbeiten muss und erscheint gut ausgerüstet in der Hundeschule. Hierbei handelt es sich um eine Kundin.

Wie geht man mit einer Kundin um? Nun, die Arbeit an der Kundin ist das, was man sich wünscht. Tipps werden angenommen, es besteht Bereitschaft zu trainieren. Die Kundin ist bereit, sich auf die Methoden einzulassen. Hier können Methoden auch variiert werden, es kann mit Videomaterial gearbeitet werden. Es können auch Hausaufgaben vereinbart werden, dieses oder jenes im Alltag umzusetzen.

Ziel ist es bei allen Klienten, die Beziehung in Richtung einer Kundenbeziehung zu verschieben. Nicht bei allen wird man es schaffen. Im Sinne der Standardnormalverteilung wird es immer einen Anteil von Klienten geben, zu denen man nicht durchdringt. So what, der nächste Klient ist bestimmt wieder angenehmer.

Noch etwas kurioses zum Schluss: Manche Hundehalter verharren unbewusst gern in einer Problemzone. Der kranke Hund, der unerzogene Hund oder der labile Hund lenken nämlich auch schön von eigenen Befindlichkeiten ab. Das ist ihnen nicht bewusst. Hier muss jeder für sich selbst entscheiden, ob er Teil des Spiels bleiben möchte.

Ansonsten wünsche ich viel Spaß beim gedanklichen Einordnen der Klienten. 😉

 

 

 

 

 

Foto von Marlen Bartsch

Warum schiebt meine Tante heimlich Sahnetorte in meinen Hund?

 

Wer kennt es nicht? Besuch mit Hund bei der Tante und während man den Raum verlässt, wandern Sahnetortenstücke unter den Tisch? Sie weiß, dass sie das nicht füttern soll, aber sie reicht mit freudig-erwartungsvollem Blick die klebrigen Stücke unter die Tischdecke. Sie füttert heimlich sogar dann, wenn wir explizit darum gebeten haben, es zu unterlassen.

Spaziergang mit anderen Hundehaltern, der Hund bettelt und – schwupp – wandert ein Stück Fleischwurst ins erwartungsvolle Tier. Auch wenn der Hund danach jedem Spaziergänger an der Jackentasche schnüffelt. Ach naja, man habe es doch einfach nur gut gemeint und sowieso reichlich Wurst dabei.

Als Hundehalter fühlen wir uns dann oft unverstanden. Nicht nur dass der Hund Allergien haben könnte und die Wurst oder Torte nicht gut verträgt. Zudem kann der Hund bei diesem Vorgehen leicht die Form einer Tonne annehmen kann. Es kommt schon die Frage auf, warum sich jemand so verhält. Was ist so toll daran, dem Hund Futter zu geben?

Aber greifen wir uns zuerst mal selbst an die eigene Nase. Wir waren mit dem Hund auf einer langen Wanderung. Erschöpft rubbeln wir ihm den nassen Sand aus dem Fell und freuen uns, wieder in der warmen Wohnung zu sein. Der Hund ist viel gerannt und ausgelastet, selig hechelt er und wirkt müde. Wir stellen ihm einen Napf mit seinem Lieblingsfutter hin, schauen zu wie er frisst und beobachten danach, wie er sich genüsslich in seinem Körbchen ausstreckt und wohlig seufzt. Wie fühlt man sich bei diesem Anblick als Hundehalter? Gut, oder? Man hat selbst alles getan, damit es ihm optimal gut geht. Im Winter dreht man die Heizung noch ein Stück auf, er soll es warm haben.

Wenn ich auf Arbeit meinen (nichthundehaltenden) Kollegen so etwas erzähle, können die das nicht immer ganz nachvollziehen. Was, es hat doch aber geregnet? Da warst du 3 Stunden freiwillig draußen? Wie, du gibst so viel Geld für Hundefutter aus? Reicht da nicht auch ein einfaches Hundefutter?

Die Frage, warum wir es uns so verhalten, ist schnell beantwortet. Wir fühlen uns selbst schlichtweg richtig gut dabei. Der Fachbegriff dazu ist „caregiving behaviour“ und bedeutet so etwas wie „Fürsorgeverhalten“. Dieses Fürsorgeverhalten kann selbst schon bei Kindern beobachtet werden. Wenn wir anderen etwas Gutes tun können, macht uns das selbst „glücklich“. Zumindest fühlen wir uns dabei wohl, es wird das Bindungshormon Oxytocin ausgestreut. Das entspannt uns, wirkt blutdrucksenkend und baut Vertrauen auf.

Zudem unterstellen wir Menschen Reaktionen im Hund, die wir bei uns selbst erleben würden. Wir glauben an Wohlbefinden, eine angenehme Mischung aus ausgelastet, satt und müde, wenn wir dem Hund alles bieten können, von dem wir glauben, dass es der Hund möchte.

Möglich macht das bei uns das Vorhandensein von Spiegelneuronen. Als hoch soziales Lebewesen verfügt der Mensch über Neuronen, die selbst dann feuern, wenn wir eine Handlung nur beobachten. Wenn wir also unserem Hund zusehen, wie er genüsslich mit halb geschlossenen Augen und in entspannter Körperhaltung auf seinem Rinderohr kaut, feuern in unserem Gehirn besagte Spiegelneuronen. Wir empfinden dann eine ähnliche Zufriedenheit.

Was wir dazu benötigen, ist Empathie. Wir müssen die Fähigkeit haben, uns in andere Lebewesen hineinzuversetzen. Das setzt voraus, uns selbst gut beobachten zu können („ich fühle mich wohl, wenn….“).  Außerdem müssen wir so viel Interesse an einem anderen Lebewesen haben, dass wir ähnliche Wohlbefindensmuster annehmen wollen.

Wenn wir nun also der Tante unterstellen, dass sie mit Absicht unseren Hund in ein „breiter als hoch“ – Format füttert, sollten wir bedenken, dass die sich so verhält, weil es ihr gut tut. Ihre Motivation ist dabei nicht, so viele Kalorien wie möglich in kurzer Zeit zu verabreichen, sondern bei sich selbst Wohlbefinden hervorzurufen. Das ist ihr sicherlich so nicht bewusst und das können wir von außen auch erst einmal nicht beobachten.

Die Tante glaubt schon daran, dem Hund mit der Torte etwas sehr gutes zu tun. Deshalb schenkt sie Kindern auch Schokolade und zuckersüße Lollis oder füttert im Park die Enten. Es ist ihre Vorstellung von „etwas Gutes tun“ und vielleicht hat sie in ihrer Kindheit Lebensmittelknappheit erfahren.

Aber ganz so egoistisch ist die Tante nicht. Wenden wir mal eine Technik an, die man „Reframing“ nennt. In einem Verhalten, welches wir selbst erst einmal als negativ bewerten, stecken auch immer positive Anteile. Uns ärgert, wenn die Tante heimlich Sahnetorte verabreicht. Sahnetorte zu füttern bedeutet aber auch, den Hund zu mögen, ihm eine Freude machen zu wollen, und Interesse daran zu haben, dass der Hund gern kommt.

Je nach Beschaffenheit der Tante kann man entweder aufklären, dass die mitgebrachten, mageren Fleischstücke viel besser geeignet sind und diese füttern lassen. Vielleicht kennt sie es aus schlechten Zeiten, dass das Füttern von Torte ein echter Höhepunkt war. In unserer durch Überfluss gekennzeichneten westlichen Welt ist das nicht mehr ganz passend. Klären wir sie doch einfach auf, dass der Hund sich über andere Sachen viel mehr freut und es besser für seine Gesundheit ist.

Wenn der Hund die Torte absolut nicht verträgt, könnte man sie darauf hinweisen, dass der Hund sich dann so fühlt, wie wenn sie ihre XYZ-Tabletten nicht eingenommen hat. Sie ist ja empathisch und kennt das Gefühl von Durchfall.

Ja und falls der Hund die Sahnetorte wegstecken kann und die Tante es nicht lässt, dann muss man selbst eben ertragen, die nächsten beiden Hundemahlzeiten ausfallen zu lassen.

(Vielen Dank an Marlen Bartsch für das Photo)