Wozu braucht man Wissenschaft in der Hundewelt?

 

Warum braucht man überhaupt wissenschaftliche Forschung, wenn jeder Hundehalter seinen Hund doch selbst beobachten kann? Was machen Hundeforscher anders? Haben die einen Traumjob, bei dem sie den ganzen Tag von Hunden umgeben sind? Welches spezielle Wissen benötigt man, um forschen zu können? Antworten auf diese Fragen soll dieser Artikel mit einem Einblick in die abstrakte Welt der Verhaltensforschung geben.

Hunde werden in der Forschung in unterschiedlichsten Bereichen eingesetzt. Ich schreibe hier nur über Forschung, bei der über Futtermotivation, Neugierde und Spiel bestimmte Verhaltensweisen unserer Haushunde erfasst werden. Die Hunde werden danach wohlbehalten, geistig ausgelastet und zufrieden ihrem Halter übergeben. Feldforschung, bei der Hunde ohne Einfluss des Forschers beobachtet werden, werde ich nicht beschreiben. Diese verläuft, was die Vor- und Nacharbeiten belangt, ähnlich. Der große Unterschied liegt jedoch in der Konzeption und Durchführung der Studie.

Wissenschaftler sollten neugierig sein, über Vorwissen verfügen und auch gern mit der jeweiligen Tierart zusammenarbeiten. Aber das alleine reicht noch nicht aus. Man braucht neben Fachwissen etwas, dass Methodenkompetenz genannt wird: Wissen um statistische Grundlagen und Zusammenhänge.

Wer Biologie oder Psychologie studiert hat, hat zu großen Teilen Statistik und Forschungsmethodik studiert. Denn: Nur weil ich bei meinem Hund etwas sehe und für mich Gründe für dieses Verhalten finde, ist es noch nicht bewiesen, dass es für alle Hunde gilt. Bei eigenen Beobachtungen gibt es zwei Komponenten, die kein Wissenschaftler bei der Erklärung von Verhalten leiden kann: Zufall und alternative Erklärungen. Die Statistik hilft, zu entscheiden, ob etwas zufällig beobachtet wurde.

Wissenschaftliches Arbeiten mit Hunden kann man sich im zeitlichen Verlauf wie eine Eieruhr vorstellen. Von der einen, vollen Seite (Theorie) rieselt Sand durch einen schmalen Kanal (Praxis) auf eine andere, leere Seite (Theorie). Die Wespentaille in der Mitte, das ist der Bereich, in dem der Forscher auch wirklich Kontakt zu Hunden hat. Alle anderen Prozesse finden hauptsächlich am Schreibtisch statt oder auf Konferenzen und Besprechungen. Manchmal auch im Baumarkt, um Testmaterialien auszuwählen. Aber dazu später.

Bevor alles losgeht, muss man sich mit der Thematik und den Tieren gedanklich intensiv beschäftigen, vor allem sehr viel bereits vorhandene Literatur lesen. Die Idee kann sich aus dem Literaturstudium ableiten (wenn x das kann und y auch, kann es auch z?) oder durchaus auch durch Beobachtungen entstehen. Ich nehme jetzt hier beispielhaft mal die Frage “Können Hunde Farben unterscheiden?“.

Mancher Hund bevorzugt einen roten Ball oder ein blaues Stofftier. Bereits jetzt könnte man argumentieren, dass es auch am Material liegen könnte oder das Spielzeug besonders gut riecht. Das ist auch alles richtig. Man müsste es kontrolliert untersuchen. Eben daran sieht man auch, dass man mit Einzelbeobachtungen vorsichtig sein muss.

Hunde sind individuell sehr unterschiedlich. Die Tests müssen so angelegt sein, dass Genetik, Vorwissen und Persönlichkeit des Hundes so wenig wie möglich alternative Erklärungen zulassen. Die einzigen Auswahlkriterien für die Hunde sind: sie sind bereit, nach Futter zu suchen, sind nicht aggressiv oder zu ängstlich um am Versuch teilzunehmen.

Aber bleiben wir mal bei der Idee: Hunde können Farben unterscheiden. Das ist unsere Hypothese. Nun muss die bestehende Literatur durchforstet werden, ob diese Beobachtung schon so oder ähnlich untersucht wurde. Irgendwann zu Beginn der Einarbeitung kämpft man sich durch das ganze Paper (so werden die wissenschaftlich veröffentlichten Studien genannt). Je mehr man sich mit einer Materie auskennt, desto mehr verschiebt sich die Fragestellung im Kopf zu: wie haben die das untersucht und was ist herausgekommen?

Nicht wenige Studien bewegen sich dabei in einem Bereich, bei dem eine zweistellige Anzahl von Hunden untersucht wurde. Das klingt wenig, aber wenn das gesuchte Merkmal (Farbunterscheidung) vorhanden ist, zeigt es sich bei allen Hunden. Dafür sollte man dann nicht tausende untersuchen müssen, um die Fähigkeit zu finden.

Die Idee mit den Farben muss irgendwie so umgesetzt werden, dass man Verhalten in Zahlen messen kann. Dieser Vorgang nennt sich operationalisieren.

Für unsere Farbstudie würden wir einen Versuchsaufbau wählen, der sich „object choice“ (Objektwahl) nennt. Futter wird unter einem von zwei Bechern versteckt, die sich nur durch ein einziges Merkmal unterscheiden: die Farbe. In einer Abfolge vieler Versuche pro Hund wird gezählt, wie oft der Hund die richtige Farbe wählt. Dabei testet man mehrere unterschiedliche Hunde nacheinander.

Der Forscher weiß inzwischen, dass Hunde rot eher nicht wahrnehmen, dafür aber gelb und blau. Daher fällt die Wahl auf einen gelben und einen blauen Becher. Größe, Form, Material und Beschaffenheit des Bechers müssen absolut identisch sein (das ist dann der Part auf dem Baumarkt). Der Farbunterschied dürfte nicht so groß sein, dass hell oder dunkel ein Anhaltspunkt wäre.

Was Hunde wirklich gut können, ist schnelles Lernen. Man kann also nicht so vorgehen, dem Hund immer auf der rechten Seite unter dem gelben Becher das Futter zu verstecken. Er lernt: immer rechts. Oder doch immer gelb? Oder riecht der gelbe Becher inzwischen nach Wurst, weil er so oft angefasst wurde? Das ist ein weiterer Unterschied zwischen Alltagsbeobachtungen und Forschung. In der Forschung werden die Bedingungen systematisch kontrolliert.

Hier bedarf es geschickt ausgeklügelten Abfolgen. Dies soll gewährleisten, dass die Hunde keinem anderem Muster folgen außer der Farberkennung. Das beinhaltet auch, dass der Versuchsleiter keine Hinweise auf das Versteck gibt. Ein Blick oder die Körperhaltung können für Hunde Anhaltspunkte sein, einen Becher zu wählen.

Die Hunde müssten zufällig auf zwei Gruppen verteilt werden: die Blauen und die Gelben. Entsprechend des Gruppennamens finden die Hunde das Futter auch zuverlässig: In einer Vorstudie lernen die Blauen, dass unter dem blauen Behältnis Futter liegt in dem gelben aber nie. Die andere Gruppe lernt es genau anders herum. Haben sie verstanden, dass sie sich zu dem Becher bewegen müssen (hinlaufen, anstupsen, mit der Pfote berühren oder ähnliche klare Entscheidungen), dürfen sie am Test teilnehmen. Die Auswahl der Hunde zu Team gelb oder Team blau muss zufällig erfolgen und darf keinem Schema folgen. Man spricht hier von einer randomisierten Auswahl.

Nach dem Bestehen des Vortests würde man zum Test übergehen. Jetzt allerdings stehen zwei Becher zur Auswahl, eben ein blauer und ein gelber. Können Sie die Farben nicht unterscheiden, wählen sie zufällig: sie gehen immer auf nur eine Seite oder immer dort hin, wo zuletzt das Futter war oder nutzen keine Strategie.

Hier wird deutlich, dass die Auswahl des Versteckes keinem nachvollziehbaren Schema folgen darf und gleich häufig auf einer von beiden Seiten sein muss. Je nach Studiendesign werden die Hunde mehrmals bestellt. Entweder bleiben sie immer im entsprechenden Farbteam oder wechseln auch mal die Seiten. Diese Verteilung würde dazu dienen, Zufallsvariablen so klein wie möglich zu halten.

Auch wenn es haarspalterisch wirkt, so ist eines ganz wichtig bei solchen Tests: Sie müssen exakt ablaufen. Die Futterstücken müssen immer gleich groß sein. Liegt einmal ein halbes Steak unter dem Becher und einmal eine Murmel Trockenfutter, ist nichts mehr vergleichbar. Ebenso wenn im Test ein Hund den gelben Becher zerbeißt: ich kann dann nicht meine gelbe Kaffeetasse verwenden. Wie ein Roboter muss der Veruchsleiter immer gleiche Abläufe vollziehen, gleiche Abstände einhalten und auch immer beide Becher berühren, damit nicht einer stärker riecht. Ich sagte ja, es scheint etwas abstrakt zu sein. Der Feind heißt: alternative Erklärung.

Der Versuchsleiter filmt das alles und zählt dann, wie oft die Hunde richtig gewählt haben.

Zur Auswertung vielleicht so viel: Wenn der Hund von 10 Durchgängen 5 mal fündig wurde und 5 mal nicht, können wir von Zufall ausgehen. Anders sieht das aus, wenn 10 Hunde in 10 Durchgängen 90 Mal den farblich richtigen Becher ausgewählt haben. Warum 5 von 10? Nun, das ist der Zufallslevel bei einer Auswahl von 2 Optionen.

Der Forscher sitzt jetzt wieder am Schreibtisch und wertet die Videobänder aus. Auch hier sollte noch einmal kritisch geschaut werden, ob es keine Alternativerklärung für das Verhalten geben kann.

Der Verhaltensforscher rechnet mit statistischen Programmen, ob das Ergebnis signifikant ist. Signifikant heißt: nicht durch Zufall erklärbar. Der Zufall wurde also statistisch mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit herausgerechnet.

Der Wissenschaftler hätte bei signifikant richtiger Farbwahl also Grund zur Annahme, dass Hunde mit einer hohen Wahrscheinlichkeit in der Lage sind, blau von gelb zu unterscheiden. Das kann vermuten lassen, dass Hunde über eine gewisse Fähigkeit verfügen, Farben voneinander zu unterscheiden. Ein signifikantes Ergebnis bedeutet also nicht, für alle Zeiten bewiesen zu haben, dass Hunde Farben unterscheiden können.

Über die gesamte Vorgehensweise und die Ergebnisse schreibt der Forscher dann einen Bericht, der international gültigen Standards gerecht werden muss. Dieser wird bei wissenschaftlichen Journals einreicht, um die Kenntnisse anderen zugänglich zu machen.

Mit einem solchen Ergebnis ist zunächst erst ein mal ein Anhaltspunkt gegeben, der weitere Studien nach sich ziehen sollte. Einzelne Studien sind in der Regel in größere Forschungsprogramme eingebettet. Das ist bei meiner – ausgedachten – blau/gelb Studie nicht der Fall. Mir ging es nur darum, den Prozess der Forschung darzustellen. Sie können natürlich trotzdem gern probieren, ob Ihr Hund gelb von blau unterscheiden kann. Auch wenn das einzelne Ergebnis nicht auf alle Hunde übertragbar ist: Spaß macht das Ausprobieren trotzdem.

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Feel as I feel.

Feel as I feel“

Emotionen bei Hunden im Vergleich mit Kindern

Vor gar nicht allzu langer Zeit war man größtenteils Meinung, Hunde und andere Tiere empfinden keine Emotionen. Das leitete sich aus einer Richtung in der Psychologie ab, die sich Behaviourismus nennt. Behaviouristen haben – zur modellhaften Vereinfachung – das Seelenleben der untersuchten Tiere ausgeklammert und beobachtbares Verhalten untersucht. Da Emotionen zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich gemessen werden konnten, ging man davon aus, dass sie für die Beurteilung von Verhalten zunächst erst einmal nicht wichtig waren. Es wurden nur damals bekannte, messbare Reaktionen erfasst. Wir reden hier von einer Zeit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Wenn wir von Emotionen sprechen, dann geht es um innere Zustände eines Lebewesens. Was wir bei Hunden augenscheinlich beobachten können sind die Körperhaltung, Gestik und Mimik, Lautäußerungen und physiologische Faktoren wie Speichelfluss, Pupillengröße, Hecheln oder ein aufgerichtetes Fell. Damit schließen wir von beobachteten äußeren Fakten auf das Innenleben. Ein Hund, der Angst hat, zieht die Maulwinkel zurück, bekommt einen starren Blick, legt die Ohren an oder zieht sie zurück und macht sich klein. Er bewegt sich zögerlicher, wendet sich ab, möchte fliehen oder flieht. Vergleicht man diese Körpersprache mit der des Menschen und unterstellt eine Emotion, spricht man von Anthropomorphismus (griechisch: anthropos – Mensch, morphe –Gestalt).

Inzwischen ist die Tatsache, dass Hunde – oder Tiere generell – fühlen können weniger strittig. Nach Panksepp (2005) geht man beispielsweise davon aus, wenn ein Stimulus bei Mensch und Tier die gleichen Reaktionen (Verhalten, physiologische und neurobiologische) hervorruft, dass gleiche Mechanismen in Mensch und Tier beteiligt sind.

Die vergleichende Psychologie widmet sich Fragestellungen, wie Menschen und andere Tierarten sich entwickelt haben und zieht daraus Schlüsse zur Evolution des Menschen. Im Fokus der Forschung sind dabei häufig die Primaten (Schimpansen, Orang-Utans, Bonobos und Gorillas). Besonders Schimpansen sind genetisch sehr eng mit dem Menschen verwandt. Erst in den letzten 20 Jahren ist immer häufiger der Hund hinsichtlich sozialer und kognitiver Fähigkeiten untersucht worden. Obwohl bereits Darwin Verhaltensweisen und Ausdrucksformen seines eigenen Hundes beobachtete und aufzeichnete, galt der Hund lange als uninteressant für die Forschung. Er sei zu stark durch den Menschen geformt worden, canides Verhalten wurde an wild lebenden Arten erforscht.

Die Domestikation des Hundes geht mit einem sehr engen Zusammenleben zwischen Mensch und Hund einher. Wenn wir im Laufe einer gemeinsamen Evolution, einer so genannten Co-Evolution verstanden haben, Emotionen bei Hunden zu erkennen, können Hunde dann auch menschliche Emotionen deuten? Welche emotionalen Kompetenzen haben Hunde, verglichen mit dem Menschen?

Der Verhaltensforscher Frans de Waal spricht 2011 davon, dass ein tieferes Verständnis der Strukturen von Emotionen in der Tierverhaltensforschung die nächste Grenze ist, die es zu überschreiten gilt. Die Erforschung hündischer Emotionen ist somit ein recht junges Forschungsgebiet. Tatsächlich finden sich in der jüngeren Literatur Arbeiten dazu, ob Hunde menschliche Emotionen lesen können. Ebenso wurde umfangreich untersucht, inwieweit Menschen dazu in der Lage sind, hündische Emotionen zu deuten.

Emotionen werden dabei unterschiedlich eingeteilt. So gibt es Basisemotionen wie Freude, Überraschung, Angst, Wut, Ekel oder Trauer. Innerhalb dieser Basisemotionen werden Untergliederungen vorgenommen. Freude kann sich auf verschiedene Weise anfühlen, beispielsweise als eine Art Aufgeregtheit oder als Zufriedenheit. Ähnlich werden auch alle weiteren Basisemotionen untergliedert. Als den Basisemotionen übergeordnete Einheiten werden Emotionen in den Kategorien Vergnügen, neutrale Emotionen und Missbehagen zusammengefasst.

Mit einer solchen groben Unterteilung in: „vergnüglich“, „neutral“ und „unbehaglich“ beginnen Kinder im Alter von zwei Jahren, sich mental die Welt zu erschließen. Dabei unterscheiden sie noch die Erregungslage. Somit gibt es quasi „schöne, aufregende“ Dinge, die sie als Aufregung verstehen und „schöne ruhige“ Dinge, bei der sie Gelassenheit empfinden. Entsprechend gibt es „unschöne, aufregende“ Emotionen wie Stress und letztendlich „unschöne, ruhige“ Gemütslagen, die sich traurig anfühlen.

Dies ist für das Verständnis der hündischen Emotionen wichtig, denn an dieser Stelle setzt auch die Erforschung der Fähigkeiten unserer Hunde an. Natürlich gibt es eine Vielzahl weiterer Emotionen. Diese werden je nach Komplexität und Kontext unterschiedlich eingeordnet. Bevor man aber untersuchen kann, ob Hunde so genannte „secondary emotions“, also höhere, zusammengesetzte Emotionen, beispielsweise Schadenfreude empfinden oder Gewissensbisse haben können, werden erst einmal grundlegende Emotionen untersucht.

Eine Emotion wie Schadenfreude, Eifersucht oder das Empfinden einer Kränkung würde sehr viele geistige Prozesse erfordern. Jemand, der Schadenfreude empfindet, hat eine innere Repräsentation davon, was er selbst und auch der andere empfindet. Zudem müsste der Hund in diesem Fall komplexe Denkprozesse vollziehen. Er müsste sich dessen aktiv bewusst sein, dass ihm ein Zustand selbst nicht gefällt und anderen möglicherweise ebenso nicht.

Würde Dackel Waldi Schadenfreude darüber empfinden, dass ein anderer Hund, der ihm den Ball gestohlen hat, angeleint wird, könnte er die folgenden geistigen Prozesse vollziehen: 1. Das war mein Ball und der andere hatte nicht das Recht, ihn zu nehmen. 2. Zur Strafe muss er an die Leine. 3. Ich selbst bin nicht gern an der Leine, der andere wird das auch nicht mögen. 4. So wie der aussieht, gefällt es ihm auch nicht. 5. Weil ich aber wütend auf ihn bin, freut es mich, dass er jetzt angeleint wird. Hier wäre eine Vielzahl von Thesen zu untersuchen (Unrechtsbewusstsein, Wissen um Besitzverhältnisse, Emotionserkennung, eine Theorie um die geistigen Vorgänge anderer und so weiter). Dennoch sind diese höheren Formen der Emotionen beim Hund in den Fokus der gegenwärtigen Untersuchungen gerückt. Dabei wird auch deutlich, dass die hinter den höheren Emotionen liegenden Denkprozesse nicht ohne weiteres von außen beobachtet werden können.

Um höhere Emotionen erleben zu können, müssten Hunde ein Verständnis von sich selbst als Individuum haben. Gallup hat dies für Schimpansen mit dem Spiegeltest nachweisen können. Dabei wurde einem Schimpansen ein roter Punkt auf die Stirn gemalt und untersucht, ob er bei Betrachten des Spiegelbildes an seinen eigenen Kopf fasst oder an das Abbild im Spiegel. Während Primaten sich an den eigenen Kopf greifen und somit verstehen, dass sie selbst im Spiegel abgebildet sind, misslang der Spiegeltest bei Hunden größtenteils. Marc Bekoff nutzte daher „gelben Schnee“ (er sammelte Schnee auf, an den entweder sein eigener Hund oder fremde Hunde uriniert hatten). Er konnte nachweisen, dass sein eigener Hund länger an den fremden Urinproben roch als an der eigenen. Bekoff schloss daraus, dass Hunde, die primär mit olfaktorischen (geruchlichen) Informationen arbeiten, ein Konzept von sich selbst als „Ich“ haben. Kindern gelingt dieser Spiegeltest im Alter von etwa 18 bis 24 Monaten, sie können sich in diesem Alter auch selbst auf Fotografien erkennen.

Fragt man Hundehalter nach der hündischen Fähigkeit, Emotionen – auch höhere Gefühlslagen wie Eifersucht, Stolz und Empathie – zu empfinden, sind viele davon überzeugt, dass Hunde das können. Einfache Emotionen glaubten 80% der Befragten zu erkennen, höhere Emotionen fast zu 60%. Eine Studie von Veronika Konok und Kollegen aus dem Jahr 2014 belegt dies und zeigt weiterhin, dass die Hundehalter Hunden die Fähigkeit zuschreiben, die gleichen Emotionen auch beim Menschen zu erkennen. Von den befragten Hundehaltern gaben etwa 70% an, Hunde würden einfache Emotionen beim Menschen verstehen, fast 30% der Studienteilnehmer waren sich auch für höhere Emotionen sicher.

Wie verstehen Kinder, die gerade dabei sind, ihre Welt in immer wieder neue Kategorien einzuteilen, die Emotionen unserer Haushunde? Können sie an den Gesichtern der Hunde die Gefühlslage der Hunde ablesen?

Racca und Kollegen prüften bei vierjährigen Kindern und bei Hunden, wie sie negative, neutrale und positive Emotionen bei Hunden und auch bei erwachsenen Menschen verarbeiten. Dabei wollten sie verstehen, in welcher Hirnhälfte diese Informationen verarbeitet werden. Wie oben erwähnt, sind die Oberbegriffe „vergnüglich, neutral und unbehaglich“ die Kategorien, mit denen zweijährige Kinder beginnen, Gefühle einzuteilen. Die Forscher wählten das Alter von vier Jahren, da Kinder in diesem Alter zunehmend lernen, Gesichtsausdrücke korrekt zu verstehen.

Für den negativen Gesichtsausdruck wählten sie einen aggressiven Gesichtsausdruck mit aufgerichteten Ohren, Nasenrückenrunzeln und gebleckten Zähnen. Das Bild mit einem positiven Gesichtsausdruck zeigt einen Hund in Erwartung von Futter. Die Kinder und auch die Hunde konnten die einzelnen Bilder für fünf Sekunden betrachten. Insgesamt zeigte sich eine unterschiedliche Verarbeitung der Bilder in den Hirnhälften. Diese wurde dadurch gemessen, in welche Richtung Hunde oder Kinder bei der Betrachtung des Bildes schauen. Hunde konnten demnach zwischen nicht-positiven (negativen und neutralen) und positiven Emotionen unterscheiden. Die Kinder schauten beim Betrachten der Bilder zunächst immer nach links. Dies spricht bei Kindern für eine Dominanz der rechten Hirnhälfte, während Hunde sich eher an den Gesichtsausdrücken orientieren. Die Forscher räumten jedoch ein, dass bis auf drei Kinder keines mit einem Hund zusammenlebte.

Untersucht man fünf- bis siebenjährige Kinder, zeigt sich, dass diese anhand von Fotos an einem Computer die Emotionen Wut, Angst und Ekel ähnlich gut wie Erwachsene erkennen können. Ein Training im Umgang mit Hunden ermöglicht es den Kindern, hündische Emotionen schneller und besser zu erkennen (Stetina und Kollegen, 2011).

David Buttelmann (2013) konnte zeigen, dass Hunde den Gesichtsausdruck des Menschen dafür nutzen konnten, verstecktes Futter zu finden. Dabei schaute der Forscher fröhlich, wenn Wurst in einer von zwei Boxen lag. Die Box mit dem Knoblauch wurde mit einem Ausdruck von Ekel betrachtet. Einen einzigen Hinweis auf den Inhalt der Boxen gab dabei der mimische Ausdruck des Versuchsleiters, den die Hunde für sich nutzen konnten.

Generell ist bekannt, dass die Emotion „Freude“ gut erkannt wird, während „Angst“ eher weniger gut entdeckt werden kann. Insbesondere das Verwechseln von Angst und Wut kann gefährlich werden, beschreiben Stetina und Kollegen.

Eine interessante Untersuchung wäre, ob Kinder durch Filme, Comics und Bücher Schwierigkeiten haben, Gesichtsausdrücke realer Hunde richtig deuten zu können. Ein Hund in einem Kinderbuch, der (nach menschlichem Vorbild) lächelt, ähnelt stellenweise einem Hund mit Angstgesicht (spitze Maulwinkel). Wie bereits oben beschrieben, ist die Erforschung hündischer Emotionen ein junges Fachgebiet, es werden weitere spannende Ergebnisse zu erwarten sein.

Erwachsene sind in der Lage, am Klang des Bellens herauszufinden, in welcher Stimmung ein Hund ist (Miklosi, 2005). Kindern gelingt es, den emotionalen Gehalt aus gesprochener Sprache zu filtern, sie können an der Stimme erkennen, ob jemand traurig oder fröhlich ist. Ein weiterer interessanter Schritt wäre, ob Kinder die Stimmung bellender Hunde erfassen können.

Die Ergebnisse vorgenannter Studien zeigen klar, dass insbesondere jüngere Kinder nicht ohne weiters die Körpersprache unserer Hunde lesen können. Besonders wenig gelingt es ihnen, wenn sie nicht mit Hunden zusammenleben. Zweijährige Kinder haben ein Verständnis von – grob gesagt – gut und schlecht, erst später differenzieren sie stärker zwischen den einzelnen Emotionen. Das beinhaltet auch, dass sie erst später, etwa ab dem Alter von fünf Jahren, zunehmend verstehen, wie sich ein Hund fühlt.

Auf die Ergebnisse aktueller Forschung zu höheren Emotionen bei Hunden dürfen wir gespannt sein, obgleich Hundehalter ohnehin davon überzeugt sind: Hunde haben unterschiedliche Emotionen und verstehen diese auch beim Menschen. Unabhängig davon, ob sich dies als haltbar herausstellt oder nicht, unsere Hunde profitieren davon, dass wir sie als fühlende Lebewesen betrachten.

 

Dieser Text erschien im Heft „SitzPlatzFuß 26/2017.

Konformität und Gruppenzwang

Dieser Hund ist braun.

Das stimmt nicht? Doch. Wenn ich das lange genug behaupte und auch eine Vielzahl anderer Menschen das bestätigen würden, wäre er …natürlich immer noch schwarz.

Aber bei weniger auffälligen Sachen lässt sich ein Effekt beobachten, der sich Konformität nennt. Solomon Asch* wies 1951 nach, dass Gruppenzwang eine Person in ihren Aussagen beeinflussen kann.

Asch verwendete dafür keine Hunde, sondern Linien. In einem Test wurde eine Person eingeladen, in einer Gruppe von Menschen Urteile über die Wahrnehmung von Linien abzugeben. Es wurde eine Linie gezeigt und drei weitere, von denen immer genau eine gleich lang war. Die anderen Anwesenden waren heimlich in die Vorgehensweise eingeweiht und sollten in 12 von 18 Fällen eine falsche Linie als gleich lang benennen. Dabei konnte in etwa einem Drittel der Fälle beobachtet werden, dass die einzige Testperson (die natürlich keine Ahnung von dem Schummel hatte) ebenfalls eine falsche Linie als gleich lang angab. Diesen Effekt hat man jedoch nur gefunden, wenn die Teilnehmer nicht miteinander interagieren durften.

Dabei hat man in späteren Experimenten herausgefunden, dass mehr Konformität erzeugt wurde, wenn die Gruppe größer war.

Nun wird in der Hundewelt wenig über die Länge von Strichen diskutiert. Dennoch möchte ich behaupten, dass der Effekt der Konformität insbesondere auch in sozialen Medien auftritt. Natürlich nicht bei so auffälligen Abweichungen wie einem schwarzen Hund, der angeblich braun sein soll. Dennoch werden Aussagen manchmal unkritisch übernommen oder bestimmte Diagnosen plötzlich häufiger beim Tierarzt nachgefragt. Natürlich spielen in solche Phänomene noch weitere Überlegungen und Effekte hinein (der mere exposure effekt beispielsweise, über den ich demnächst schreiben werde). Wenn so viele schreiben, ein bestimmtes Medikament sei schädlich oder eine bestimmte Trainingsmethode hundertprozentig wirksam, dann wird da schon was dran sein.

Was sagt uns das? Immer schön kritisch bleiben 🙂

*Asch (1951). „Effects of group pressure upon the modification and distortion of judgment“ In H. Guetzkow (ed.) Groups, leadership and men, Pittsburgh, PA: Carnegie Press.

Das Denken lenken

 

Wenn man mit jemandem ein Beratungsgespräch führt, kann durch die Art und Weise der Fragestellung schon sehr gesteuert werden. Durch Suggestivfragen geben wir unbewusst Inhalte vor, die durch schlichtes Ja oder Nein zu beantworten sind („Ihr Hund hat sicherlich schon einmal grundlos gebellt“ oder etwas unauffälliger „Hat ihr Hund schon einmal grundlos gebellt?“). Hiermit rücken wir die Überlegungen des Hundehalters in eine Richtung, die er vielleicht selbst nicht eingeschlagen hätte, nur weil man ein Problem zu erahnen glaubt.

Die Schwierigkeit dabei ist, dass es dann auch genau das Problem wird. Zum „Confirmation bias“ gibt es einen sehr interessanten Artikel auf dem Blog Fluffology von Anna Pietschmann http://fluffology.de/ zu lesen. Suggestivfragen sollten vermieden werden, weil man damit eher seine innere Haltung bestätigt bekommt als wirklich herausfindet, was bei dem Ratsuchenden das eigentliche Problem ist. Das klingt auch leichter als gesagt, denn gerade bei Menschen, die wenig von sich aus erzählen, ist die Gefahr von Suggestivfragen groß. Oder dann, wenn bei dem Berater groß und leuchtend eine Lösung blinkt.

Mit etwas Übung kann man durch „W-Fragen“ (Wer, Wann, Wo, Wie, Was, Womit….) das Gespräch schon in die Richtung lenken, in die man es haben möchte. Die Kunst dabei ist, an die jeweilige Antwort wieder eine passende Frage anzuknüpfen. Das verlangt sehr viel Konzentration im Gespräch, in dem auch noch der Hund dabei ist. Neben dem Zuhören bei der Antwort formulieren wir nämlich schon die nächste Frage.

Ich möchte hier allerdings kurz auf eine Idee eingehen, die sich nur manchmal umsetzen lässt. Dafür sollte dann auch der entsprechende Hundehalter ausgesucht werden. Diese Frage kann man nicht jedem stellen, besonders dann nicht, wenn man einschätzt, seinen Kunden damit zu überfordern. Hat man aber Kunden, die Spaß am Nachdenken haben, die gedanklich flexibel sind und sich gut auf das Gespräch einlassen, kann die folgende Frage spannend sein:

Angenommen, sie würden ihr Problem verschlimmern wollen, was genau müssten sie tun?“

Diese Frage stößt gelegentlich bei Beratern auf Ablehnung. Da steht einer, der weiß eh schon nicht, wie es weitergehen soll und dann fragt man so einen Blödsinn. Als hätte der nicht genug Stress mit seinem Hund. Und hier kommt es, das bockige „Ja, aber….“

Denn die Frage hat folgenden Sinn: Der Ratsuchende soll damit überlegen, wie genau er selbst handeln müsste. Er bekommt ein Gefühl dafür, das Problem steuern zu können. Der Eigenanteil wird sichtbar, der Ratsuchende selbst ist der Handelnde, der ein unerwünschtes Verhalten zulässt, steuert, aufrechterhält. Indem er es verschlimmert (also nachdenkt, was er häufiger anwenden müsste) erkennt er seine Aktionen in einem hypothetischen Rahmen.

Die Fragestellung bezieht sich also nicht auf die Gegenwart („Was glauben sie, machen sie falsch?“) sondern auf eine Zukunft, die ja noch nicht da ist und lenkbar ist. Außerdem würde der Hundehalter ja nicht wollen, dass das Problem schlimmer wird, also hat das jetzt einen Spielcharakter. Losgelöst vom passiven Problemraum („aaargh, alles furchtbar“) bewegt der Hundehalter seine Gedanken in einen Lösungsraum, den er nicht zulassen muss.

Ein ähnliches Agieren ist in der Psychotherapie als paradoxe Intervention bekannt, die nur erfahrenden Therapeuten vorbehalten bleiben sollte. Wie schon in vorherigen Blogs geschrieben, ist es wichtig, die eigenen Grenzen zu kennen und einzuschätzen, ob man die Reaktionen des Gegenüber auch abfangen kann und möchte.

„Denken lenken“ klingt nicht schön, das klingt nach Zwang. Zwang ist im Beratungskontext allerdings nicht zielführend. Zudem werden die Fragen ja in eine Richtung führen, die dem Ratsuchenden weiterhelfen.

Wer begrenzt Zeit zur Verfügung hat, um eine Problemstellung einzugrenzen, der sollte über Techniken verfügen, schnell und zielgenau zu agieren. Andernfalls könnten die Kunden das Gespräch als nette Unterhaltung empfinden. Dafür gibt es sicherlich auch Gelegenheiten (immer dann, wenn kein Auftrag erteilt wurde, also wenn man mal nett am Rand steht und die Stunde vorbei ist).

Auch wenn sich nicht jede Technik bei jedem Kunden anwenden lässt, so ist es doch gut, eine Auswahl davon zur Verfügung zu haben, um sie im entsprechenden Moment anwenden zu können. So, und nun viel Spaß beim Ausprobieren. 🙂

 

Supervision – der Blick über den Tellerrand

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Im Dezember 2016 durfte ich auf einem Seminar selbst in den Genuss von Supervision kommen und möchte meine Erfahrungen auf den Hundebereich übertragen.

Supervision ist das Besprechen eines Falles aus unterschiedlichen Gesichtspunkten unter Anleitung. Ein erfahrener Kollege kann das anleiten oder eben jemand, der als Supervisor tätig ist.

Besonders dann, wenn

  • ein Fall besonders verzettelt scheint
  • man sich selbst im grauen Alltagstrott befindlich glaubt
  • man das Gefühl hat, zunehmend redundant nach Schema F zu arbeiten
  • die eigene Motivation bröckelt oder
  • neue Sichtweisen und Ideen gefragt sind

empfiehlt es sich, Fälle supervidieren zu lassen.

Es kann also auch der ganz normale Alltagsfall mit den entsprechenden Hürden („ich weiß nicht, wie ich Frau Meier dazu bekomme, endlich mehr Gespür für ein besseres Timing zu entwickeln…“) besprochen werden. Bei der Supervision geht es eher darum, wie man selbst mit diesen Anforderungen umgeht.

Was passiert da? Jemand, der einen Fall supervidieren lassen möchte, stellt die Situation mit eigenen Worten vor. Dabei schildert er auch, was genau das jeweilige Problem ist („es nervt mich“ oder „ich weiß nicht, wie ich es noch trainieren kann“). Hier wird sichtbar, dass bei Supervisionen auch ein hoher Anteil an Eigenreflexion gefragt ist. Supervision kann im Einzelsetting mit dem Supervisor oder auch im Gruppensetting erfolgen.

In Einzelsupervisionen kann der Supervisand sicherlich mehr auf sich selbst eingehen (Thema Vertraulichkeit), im Gruppensetting profitiert man von vielen unterschiedlichen Ansichten.

Einem systemischen Ansatz folgend hilft es auch, das Beziehungsgeflecht um Hundehalterin Frau Müller aufzuzeichnen. In den seltensten Fällen agiert ein Hundehalter alleine mit dem Hund, in der Lebenswirklichkeit spielen Partner, Kinder, Eltern, Nachbarn und Freunde wie auch andere Hundehalter eine nicht geringe Rolle.

Um nun ein Gefühl für das Agieren des Umfeldes zu bekommen, kann der Supervisor beispielhaft für Gatte, Nachbar oder Tochter der Halterin agieren. Dafür muss der Supervisor diese nicht kennen, es reicht, wenn möglichst viele unterschiedliche Sichtweisen generiert werden.  Die systemische Sichtweise geht davon aus, dass Wirklichkeiten Konstrukte im Kopf sind und somit durch Denken verändert werden können. Das Wissen um das Umfeld kann dabei natürlich einfließen.

Das hilft dabei, den Fall etwas zu „entzerren“. Zudem nützt es dabei, die Beziehungsqualität zum Klienten etwas zu „entkrampfen“. Es können neue Sichtweisen und Arbeitshypothesen ausprobiert und durchdacht werden. Außerdem ist mir aufgefallen, dass dadurch wieder etwas für die Belange der Klienten sensibilisiert wird.

Neben diesen Hilfestellungen für aktuelle Fälle dient die Supervision auch der eigenen so genannten Psychohygiene. Als Trainer oder Berater hat man idealer Weise einen unvoreingenommenen Blick. Im Alltagsgeschäft passiert es dennoch, dass man Kategorisierungen vornimmt („Wieder so ein Fall von …“). In der Supervision kann man für sich erfahren, dass Umbewertungen vorgenommen werden können.

Insgesamt war es eine sehr spannende Erfahrung, ich kann jedem raten, das für sich in Anspruch zu nehmen. Adressen von Supervisoren gibt es im Internet, ich rate dazu, auf entsprechende fachliche Erfahrung und Qualifikation zu achten.

Hilfe, mein Kunde ist komisch!

 

Ich habe eine Weile überlegt, wie ich dieses Thema angehe. Worüber ich nicht schreiben möchte, ist, wie psychische Störungen erkannt werden. Diagnostizieren dürfen Psychologen, Psychotherapeuten und Ärzte. Letztendlich ist eine Diagnose auch nur für eine Therapieentscheidung interessant. Für Dienstleister ist die wesentlich interessantere Frage: Wie gehe ich mit diesem Menschen um?

In Seminaren lasse ich gern meine Zuhörer schätzen, wie hoch die Prävalenzrate psychischer Störungen in Deutschland ist. Prävalenz bedeutet die Anzahl von Personen, die die Kriterien erfüllen, eine Störung diagnostiziert zu bekommen. Somit also das Vollbild einer Störung. Die Antworten variieren dann oft zwischen 10 % und 80 %. Auch 100 % habe ich schon gehört, sinngemäß, irgendwie laufen wir doch alle nicht ganz rund. Aber so drastisch ist es dann auch nicht. Gemäß einer Überprüfung des Robert-Koch-Institutes aus dem Jahr 2013 erfüllen Punkt heute (Punktprävalenz) 33,3 % der Bevölkerung die Kriterien, eine klinisch bedeutsame (=behandlungsbedürftige) Störung zuerkannt zu bekommen. Jeder Dritte also. Die Wahrscheinlichkeit, im Laufe seines Lebens eine psychische Störung zu entwickeln, liegt sogar bei 50 %. Also jeder Zweite.

Rein statistisch gesehen wären in einer Gruppenstunde mit sechs Personen zwei psychisch so beeinträchtigt, dass es Behandlungsbedarf gäbe. Das ist allerdings nur eine statistische Angabe, es können in der Realität mehr oder weniger sein.

Warum Störung und nicht Krankheit? Psychologen sprechen von Störungen, Ärzte von Krankheiten. Dahinter steht ein bestimmtes Verständnis von Krankheit, das bei Ärzten sinnvoller Weise eine biologische Auffassung von Krankheit beinhaltet. Krank ist etwas, was biologisch nicht richtig funktioniert. Psychologen gehen eher von einem bio-psycho-sozialen Krankheitsbild aus. Es werden biologische Faktoren einbezogen (z.B. gestörter Neurotransmitterhaushalt), psychologische (verändertes Befinden und veränderte Wahrnehmung) und auch soziale Aspekte. Soziale Faktoren können die Rolle von Krankheit beinhalten (nicht so viel leisten können, geschont werden, nicht arbeiten gehen können usw.).

Nun hält das ICD-10 (die internationale Klassifikation von Krankheiten) eine Menge an namentlich benannten Störungen bereit. Das ist ein kategoriales System, die menschlichen Verhaltensweisen sind aber dimensional ausgeprägt. Was heißt das? Das ICD sagt Störung ja oder nein. Das wird anhand von Fakten abgeglichen. Kommen genügend Fakten zusammen (Niedergeschlagenheit, Antriebsminderung, Schlafstörungen usw.), dann wird die Diagnose vergeben. Hat jemand nicht genügend Fakten benannt, kann er sich hundselend fühlen, bekommt aber die Diagnose nicht. Zudem, wie oben beschrieben, als Hundetrainer sollte man nicht diagnostizieren.

Ich habe aus meiner beruflichen Erfahrung mal ein paar Anregungen zusammengetragen, wie man mit Kunden umgehen sollte, von denen man denkt, es könnten tiefere Probleme hinter einer Fragestellung stecken. Los geht’s.

Büchse der Pandora nicht öffnen

Ein Dienstleister sollte nur die Leistungen anbieten, die er auch abdecken kann. Die Abgrenzung ist nicht so einfach, ein Gespräch driftet manchmal in eine Richtung. „Ach wissen Sie, ich komme kaum noch aus dem Bett morgens. Es ist alles sinnlos, auch mit dem Hund komme ich kaum voran. Mir fehlt auch die Lust, zu trainieren. Mir ist alles egal geworden…“. Das Gespräch sollte dann wieder in Bahnen gelenkt werden, die sich um das Hundetraining drehen. Beispielsweise: „Was klappt denn im Moment ganz passabel, was läuft gut?“ Sieht der Klient das nicht von selbst, könnte das Gespräch auf das Verhalten des Hundes gelenkt werden. „Als Sie vorhin herkamen, lief er doch ganz passabel an der Leine…“ Wer sich zu intensiv die Sorgen der Klienten anhört, könnte zum Kummerkasten werden. Das kann anstrengend sein, zumal nicht unbedingt die richtige Hilfestellung gegeben werden kann.

Was geht – statt was geht alles nicht

Wie schon angedeutet, und das ist auch eine systemische Herangehensweise, sollte der Blick auf Aspekte gelenkt werden, die der Hundehalter, egal was ihn bedrückt, leisten kann. Letztendlich ist jede Hund-Mensch-Beziehung individuell. In diesem Fall liegt die Individualität eben in Einschränkungen auf Halterseite. Dennoch sollte vorurteilsfrei an Möglichkeiten gearbeitet werden, die machbar sind.

Die perfekte Hundehaltung gibt es ohnehin kaum. Gemäß der Standardnormalverteilung sieht es so aus, dass sicherlich einige Hunde ein perfektes Leben haben. Da stimmt alles. Die breite Masse muss hier und da Abstriche machen. Die einen haben viel Zeit, können sich aber finanziell nicht alles leisten. Andere haben viel Geld, aber wenig Zeit. Oder weder Zeit noch Geld. Einige setzen das Training schnell um und erzielen Fortschritte, andere verzweifeln am Rückruf. Dann gibt es noch Konstellationen, da kann man nur noch zur Abgabe raten. Das breite Feld in der Mitte – es sind 68 % – ist nicht perfekt aber es läuft im Alltag.

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Das Streben nach Perfektion ist im Übrigen ein Faktor, der psychisch krank machen kann. Ein „es klappt im Alltag im Großen und Ganzen“ kann daher schon ein Ziel sein, dass es zu erreichen gilt.

An sich selber denken

Für mich ist das einer der wichtigsten Punkte. Leistungsfähig im Beruf kann nur der oder die bleiben, die langfristig mit Frust und Ärger umgehen kann. Mir hilft es im Berufsalltag, mich mit Kollegen austauschen zu können. Nach 10 Jahren im Beruf ist der Austausch zunehmend weniger fachlich, dafür mehr menschlich. Auch im Job gibt es diese ominöse Standardnormalverteilung. Nicht jeder Kunde ist nur ein JAVIS- Kunde (Jung, attraktiv, verbal intelligent und sympathisch). An sich selbst zu denken heißt auch, sich von Kunden zu trennen, mit denen man nicht umgehen möchte.

Dienstleister sind Blitzableiter

Verkäuferinnen können ein Lied davon singen. Oft entladen sich Aggressionen nicht dort, wo sie entstanden sind. Das nennt sich Aggressionsverschiebung. Ein schlechtes Gespräch mit dem Chef, Herr Meier ist nicht gut drauf und hat als nächstes einen Termin beim Hundetrainer… Auch wenn es schwer fällt, man sollte nicht alles auf sich beziehen und persönlich nehmen, was einem im Berufsalltag widerfährt.

An seiner eigenen Leistungsfähigkeit sollte man deshalb nicht gleich zweifeln, wenn es bei einigen Kunden nicht perfekt läuft. Im Beruf erfüllt man eine Rolle (Hundetrainer macht, dass mein Hund perfekt hört) und die muss zu Beginn des Gespräches ohnehin geklärt werden.

Hilfsangebote benennen können

Hunde sind oft Symptomträger und problematisches Verhalten des Hundes manchmal nur das Tüpfelchen auf dem i im Leben eines Menschen, in dem einiges suboptimal läuft. Sollte die Arbeitsbeziehung so vertrauensvoll sein, dass man einem Kunden offensichtliche Probleme zurückmelden kann, kann es sinnvoll sein, Hilfsangebote zu benennen.

Der Hausarzt kann Überweisungen zum Psychologen oder Psychiater ausstellen. Psychiater haben Medizin studiert und können Psychopharmaka verschreiben. Psychologen, die therapieren dürfen, nennen sich psychologische Psychotherapeuten. Es gibt auch ärztliche Psychotherapeuten. Die Einschätzung, welche Form der Therapie am besten hilft, sollten die Fachleute selbst entscheiden. Psychotherapeuten halten fünf probatorische (Erstbehandlungssitzungen) ab und raten gegebenenfalls zu einer anderen Therapieform. Wichtig ist, auf eine Kassenzulassung zu achten. Psychotherapie wird bei einer Kassenzulassung von der Krankenkasse bezahlt und ist somit für die Patienten kostenlos.

Hilfe, mein Kunde ist komisch! Was haben wir gelernt? Psychische Störungen sind nicht selten, es betrifft 1/3 der Deutschen. Es ist kein Stigma, kann jeden treffen und es gibt Hilfsangebote. Im Training sollte man sich darauf konzentrieren, was im Moment machbar ist. Und bitte immer daran denken: Es gibt so gut wie immer jemanden, der diesem Menschen die Daumen für das Gelingen der Trainingsstunde drückt 😉

 

 

Problemanalyse: Struktur in unübersichtliche Situationen bringen

Dackel Waldi hat heute seinen großen Tag. Er wird  aus dem Tierheim abgeholt. Zwei junge Zweibeiner packen ihn in eine Box und es geht auf ins neue Leben. Davon weiß Waldi noch nicht viel. Welche Faktoren ab sofort auf ihn einströmen, soll diese (unvollständige) Grafik verdeutlichen:

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Auf all diese Faktoren hat der Dackel kaum einen Einfluss. Er soll sich anpassen, was ihm auch in den meisten Fällen gelingt. Dabei wird deutlich, wie hoch die Anpassungsleistung unserer Hunde ist. Schon wenn nur einer dieser Faktoren nicht wirklich gut klappt, neigen Halter dazu, von einem Problem zu sprechen. Beispielsweise wenn der Hund sich vor Kindern zurückzieht oder nicht gern im Auto mitfährt.

Waldis Halter sind Studenten, haben viel Zeit für ihn und es geht ihm richtig gut. Obwohl die beiden wenig Geld haben, kaufen sie ihm hochwertiges Futter, viel Zubehör und nennen ihn scherzhaft „unser Hundekind“. Waldi fährt mit in den Urlaub, muss kaum alleine bleiben und für die stressfreie Fortbewegung wird ein uraltes, kleines Auto angeschafft.

Szenenwechsel. Sieben Jahre später. Waldis Umfeld hat sich verändert. Die beiden Studenten haben ihr Studium beendet, geheiratet und ein Eigenheim gebaut. Frau Müller ist nun schwanger und erwartet ihr erstes Kind. Herr Müller arbeitet täglich viele Stunden in einem Architekturbüro und ist nur noch selten zu Hause. Waldi ist nun neun Jahre alt.

Der Dackel wird in der Hundeschule vorgestellt, da er merkwürdiges Verhalten an den Tag legt. Hin und wieder verteidigt er seine Ressourcen, er bellt häufiger und wird zunehmend anstrengender.

Der Hundetrainer kann im ersten Gespräch sehen, dass zum Termin zwei gut gekleidete Personen erscheinen. Herr Müller bleibt wortkarg, er könne zu Waldis Verhalten nicht viel berichten, denn er arbeite recht viel. Daher beantwortet die werdende Mutter aufgeregt die Fragen zum Hund.

Es ist jetzt die Aufgabe des Hundetrainers, all die Faktoren aus der Grafik kennen zu lernen. Dafür hat der Hundetrainer einen Anamnesebogen, in den er Angaben zu den Besitzern, zu Waldi und den unerwünschten Situationen einträgt. Im Kopf strukturiert er diese Angaben und versucht, Anhaltspunkte zu formulieren.

Der erwartungsvolle Blick der Frau M – sie zahlt immerhin 60 Euro für diese Beratung – sagt: Was ist es und wie geht das schnell wieder weg?

Um Trainingsansätze zu generieren, muss der Hundetrainer jedoch erst einmal die Probleme formulieren. Für einen schnellen Überblick kann er eine Technik verwenden, die sich Mindmapping nennt.

Dazu wird ein leeres Blatt Papier quer hingelegt. In die Mitte des Blattes wird das Problem geschrieben. „Waldi verteidigt Ressourcen und fordert Aufmerksamkeit“. Von diesem Text in der Mitte, der eingekreist wird, gehen nun Strahlen ab, so wie Kinder eine Sonne malen.

An die einzelnen Strahlen werden Aspekte beschrieben, die sich aus dem Gespräch ergeben. Diese können sein: „Zeit für den Hund“, „Gesundheitszustand“, „Veränderungen“, „Alterserscheinungen“, „Beschäftigung“, „Tagesablauf“, „Schwangerschaft“, „Fütterung“ und die „bisherige Aufgabe des Hundes in der Familie“.

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Gemeinsam mit den Hundehaltern werden zu den einzelnen Aspekten die Ist-Zustände eingetragen. Diese werden direkt neben die Begriffe an den Sonnenstrahlen geschrieben.

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Mit einer anderen Farbe können nun zusammenhängende Aspekte verbunden werden.

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Aus den farblich hervorgehobenen Bereichen wird folgendes (auch für die Besitzer) erkennbar.

  1. Familie Müller hat insgesamt weniger Zeit für den Hund, was von ihnen dadurch relativiert wird, dass er älter geworden ist.
  2. Durch die Schwangerschaft verändert sich der Kinderstatus des Hundes und damit die aufgewandte Zeit für den Hund.
  3. Die Finanzen der Familie bedeuten auch für Waldi Einschränkungen. So waren die Halter nicht beim Tierarzt, da das Hinken des Hundes „nach kurzem Einlaufen verschwindet“.

Nach einem Tierarztbesuch vermeldet Frau Müller, dass dieser eine beginnende Arthrose festgestellt hat, die „ihnen gar nicht so aufgefallen ist in der Aufregung um das Kind“. Seitdem er Medikamente bekommt, sucht er nicht mehr so viel Aufmerksamkeit. Der Hundetrainer kann jetzt seine Beratung fortführen.

Das mindmapping eignet sich dazu, Zusammenhänge zu erkennen. Die Veränderungen durch die Schwangerschaft waren sehr offensichtlich und wären möglicherweise als erstes in den Fokus gerückt. Vielleicht wäre die Arthrose weiterhin übersehen worden.

Diese Geschichte über den Dackel ist frei erfunden. Sie soll nur verdeutlichen, dass – einem systemischen Ansatz folgend – sehr viele Faktoren Auswirkungen auf Verhalten haben. Mit dem mindmapping können diese bildlich festgehalten und strukturiert werden.

 

 

 

Gesprächsführung für Hundedienstleister III

Woher weiß ich, wie weit der Hundehalter selbst schon in der Lösung seines Problems vorangeschritten ist? Wie kann ich Veränderungen sichtbar messen? Kann der Hundehalter an der Lösung seiner Probleme selbst beteiligt werden?

Wie man Verhaltensänderungen messen kann, wird Inhalt dieses Beitrages sein. Ein Ziel zu benennen, welches erreicht werden soll, fällt relativ leicht. Das ist das Anliegen, welches der Kunde im ersten Gespräch schildert. „Keine Hunde mehr anbellen.“ oder „Nicht mehr jagen gehen.“ So oder ähnlich lauten die Formulierungen der Hundehalter.

Wenn ein Hundehalter sich entscheidet, ein Problem mit Hilfe eines Hundetrainers zu lösen, kann schon einiges an Selbstversuchen vorangegangen sein. Nicht selten fungiert der Hundetrainer als „Strohhalm“, der den Karren aus dem Mist ziehen soll. Andere Kunden wiederum fragen bereits dann nach, wenn sich ein Problem noch nicht „manifestiert“, also verfestigt hat. Es wäre also aufschlussreich, zu wissen, wie der Hundehalter das Problem selbst einschätzt.

Das Messen von Verhalten hat in der Psychologie einen hohen Stellenwert. Letztendlich sollen kaum greifbare Faktoren wie das Empfinden eines Menschen in Zahlen umgewandelt werden. Verhaltensweisen wird eine Zahl zugewiesen.

Wir wollen das subjektive Empfinden des Hundehalters erfassen. Wie schätzt er selbst – unabhängig von anderen Meinungen – seinen Trainingsstand ein. Dazu wird der Hundehalter einfach gefragt. Bei seiner Antwort soll er sich an einer Skala von eins (= Problem ist sehr stark vorhanden) bis zehn (= Problem ist verschwunden) orientieren.

Wichtig ist, den vom Halter eingeschätzten Zustand zunächst nicht zu korrigieren. Dackel Waldi springt permanent an Inge Müller hoch. Er zwickt sie in den Ärmel, weil er keine Aufmerksamkeit bekommt. Sie vergibt eine sieben? Mischling Bolle schaut Ursel Meier aufmerksam an und sie skaliert ihn bei drei? Wichtig ist, dass wir den Halter „dort abholen, wo er steht“. Es geht darum, das Ziel des Hundehalters zu erreichen.

Schauen wir uns die Arbeit mit einer solchen Skala von eins bis zehn (den Vorgang nennt man Skalierung) einmal an. Zunächst werde ich Überlegungen zu einigen Antwortmöglichkeiten geben. Danach werde ich zeigen, wie man mit einer solchen Skala arbeitet.

Skalenwert eins

Wer ein umfassendes Problem wahrnimmt, verfällt in einen Problemfokus. Läuft etwas störungsfrei, wird dies kaum wahrgenommen. Daher wird der niedrigste Wert benannt, wenn das Problem für den Halter einen sehr großen Raum einnimmt.

Mit offenen Fragen kann erfragt werden, in welchen Situationen sich der Hund zufrieden stellend verhalten hat. („Wann waren Sie denn einmal richtig stolz auf ihn?). Je nach Antwort ist so auch etwas über die generellen Ansprüche des Hundehalters zu erfahren.

Der Hundehalter sollte dazu angeleitet werden, gewünschte Verhaltensweisen aktiv zu beobachten. Diese Momente können in einem Trainingstagebuch aufgezeichnet werden. Dadurch wird der Fokus wieder auf das Gesamtverhalten gelenkt.

Skalenwert zwei

Auch wenn eine zwei zunächst erst einmal sehr negativ erscheint, es gibt einen wesentlichen Ansatzpunkt: Es muss schon – wenngleich minimale – Erfolge gegeben haben. Was genau hat den Halter bewogen, eine zwei statt einer eins zu vergeben? Was lief in diese Momenten gut? Diese Situationen gilt es einzufangen. Was hat funktioniert? Wie genau ist der Halter in einem solchen Augenblick vorgegangen? Kann er häufiger so handeln?

Skalenwert fünf

Dieser Wert zeigt zunächst auf, dass in der Vergangenheit bereits erwünschte Situationen beobachtet wurden. Allerdings positioniert sich der Halter in der Mitte. Eine Tendenz in den negativen oder positiven Bereich kann so nicht festgestellt werden. Man sollte hier bitten, sich eher (tendenziell) für eine vier oder eine sechs zu entscheiden. Dies gilt nur für die Erfassung des Anfangszustandes, nicht aber später für die Arbeit mit der Skala.

Skalenwert über fünf

Bei einem Skalenwert über fünf ist der Leidensdruck des Halters nicht sehr hoch. Zum einen kann dies für bereits gelungenes Training sprechen. Der Halter konnte sich selbst helfen und benötigt nun entscheidende Hinweise, wie er weiter agieren kann.

Andererseits kann ein hoher Wert auch dafür sprechen, dass ein Problem nicht unbedingt wahrgenommen wird oder vom Halter nicht ernst eingeschätzt wird. („Der Artax ist ein ganz lieber, ich weiß auch nicht, warum er mich immer wieder anknurrt.“). Hier ist es dann Aufgabe des Trainers, den Halter zu sensibilisieren. Eine Skalierung kann am Ende einer Beratungsstunde wiederholt werden, wenn die anfängliche Einschätzung zu unrealistisch scheint.

Arbeit mit Skalierungen

Der Hundehalter hat das Ausmaß seines Problems nun auf einer Skalierung markiert. Der nächste Schritt wäre die Beschreibung, wie das Leben mit dem Hund bei einer zehn aussehen würde. Das ist die Situation, wenn das Training vollumfänglich Erfolg zeigt. Der Hundehalter soll nun ausführlich beschreiben, wie er sich das Zusammenleben mit seinem Hund bezüglich des Problems wünscht. Dabei visualisiert er innerlich positive Zustände. Im nächsten Schritt werden für die anderen Ziffern Teilziele besprochen. Die Skala kann dabei mit Prozentangaben verwendet werden. Eine fünf wäre, wenn das unerwünschte Verhalten dann in etwa der Hälfte der Situationen auftritt.

Wer nicht mit Prozenten arbeiten möchte, kann mit den Zahlen konkretes Verhalten verbinden. Eine fünf könnte dann vergeben werden, wenn der Hund nicht mehr bellend zur Tür läuft, sondern ruhig bleibt (statt auf seinem Platz zu  liegen). Diese Verhaltensetappen sollen gemeinsam mit dem Hundehalter erarbeitet werden. Es handelt sich dann um Wunschzustände, die der Halter selbst benannt hat. Die Motivation, an den einzelnen Schritten zu arbeiten ist höher, da es die Wünsche des Halters (und nicht des Trainers) sind.

Konkrete Schritte benennen

Hat sich der Halter bei einer Ziffer positioniert, werden erste klare Handlungsoptionen erarbeitet, wie die nächste Zahl erreicht werden kann. Nach einem Beratungsgespräch kann es daher sinnvoll sein, vom Halter umsetzbare Maßnahmen benennen zu lassen. An welcher Stelle kann er konkret aktiv werden, um statt einer drei eine vier zu erreichen? Wie häufig kann er diese konkrete Aufgabe in seinem Alltag umsetzen? Kann er sein Umfeld überzeugen, in gleicher Weise mit dem Hund zu arbeiten?

Schriftlich festhalten

Die Skalierung sollte schriftlich festgehalten werden. Bilder sprechen das Unterbewusstsein an und wirken stärker, als gehörte Informationen. Die Skala kann vom Trainer vorbereitet werden. Den Wert sollte der Kunde selbst einzeichnen. Er nimmt die Einschätzung dann eher für sich selbst an, da er selbst aktiv eine Zahl gewählt hat.

Ein Weg statt schneller Lösungen

Die Skalierung hat den Vorteil, dem Hundehalter einen Weg aufzuzeigen. Statt einer Vanillelösung (schön, billig und leicht zu erreichen) wird optisch sichtbar, dass das Trainingsziel aus vielen kleinen Entscheidungen besteht. Diese Handlungen müssen aktiv vom Hundehalter umgesetzt werden. In weiteren Trainingsstunden kann somit sehr gut gemessen werden, ob der nächste Meilenstein erreicht wurde.

Reaktionen des Halters abfangen

Ich habe in Beratungssituationen erlebt, dass Menschen sehr emotional auf die Skalierung reagieren können. Eine unspezifische Unzufriedenheit mit einer Situation wird dadurch klar aufgezeigt. Das Ausmaß wird sichtbar, ebenso die Länge des Weges zum Wunschzustand.

Der Hundehalter sollte angeleitet werden, sich auf positive Aspekte konzentrieren, kleine Fortschritte deutlich wahrzunehmen und verinnerlichen, dass er auf dem Weg ist, diesen Zustand zu ändern. In diesen Situationen kann auch besprochen werden, dass ein Trainingsziel zu hoch gesteckt wurde.

Nur Verhalten skalieren lassen, das man bearbeiten möchte

In Beratungssituationen spielen neben Verhaltensweisen des Hundes sehr viele Faktoren eine Rolle. Hundetrainer sind daher nicht selten mit vielfältigen menschlichen Problemlagen konfrontiert. Häufig ergeben sich Probleme erst dadurch, dass sekundär (im häuslichen Umfeld, im Arbeitskontext oder in der allgemeinen Lebenszufriedenheit) etwas nicht gut funktioniert. Skalierungen lassen sich natürlich nicht nur im Hundetraining einsetzen, man könnte gleichfalls Lebenszufriedenheit, Veränderungsmotivation oder den Gesundheitszustand des Halters einschätzen lassen. Dabei möchte ich raten, nur mit Aufgabenfeldern zu arbeiten, die man auch selbst fachlich abfangen kann und möchte.

 

In meinen nächsten Beiträgen wird es um eine Methode gehen, wie man Struktur in unübersichtliche Situationen bringen kann. Darüber hinaus werde ich einen Blog zu psychischen Problemen bei Hundehaltern schreiben.

 

 

 

Gesprächsführung für Hundedienstleister II

In diesem Blog wird es um ein paar grundsätzliche Gedanken zur Verhaltensänderung gehen. Die Grundannahmen sind aus lösungsorientierten Ansätzen entlehnt und es fließen eigene, praktische Erfahrungen ein.

Der Begriff lösungsorientiert sagt schon, dass man sich im Beratungsgespräch auf die Lösung orientiert. Das klingt zunächst plausibel, jedoch meinen viele Kunden, ihr Problem sehr exakt in allen Facetten schildern zu müssen, damit der Berater das auch ganz genau in jedem Detail versteht. Mir geht es nach Jahren in der Beratung eher so, dass ich punktuell zuhöre. Denn während wir zuhören, müssen wir gleichzeitig noch andere Denkprozesse vollziehen. Strategien ersinnen, Schlagwörter speichern, Fragen formulieren und auf Körperhaltung und Gesichtsausdrücke achten.

Interessant ist es, dem ersten Satz im Gespräch genau zuzuhören. Die Hundehalter sagen das, was ihnen am meisten auf der Zunge brennt. „Puh, also ich bin völlig verzweifelt.“  Auch ein „eigentlich ist es gar nicht so schlimm, aber…“ sagt etwas über den Hundehalter aus.

Die Lösung  im Fokus halten

Wie schon erwähnt haben viele Hundehalter einen Leidensdruck. Der ist nicht unerheblich und hat sie veranlasst, Geld dafür zu bezahlen, sich helfen zu lassen. Daher ist es auch wichtig, den Hundehalter zu Wort kommen zu lassen. Das punktuelle Zuhören soll nicht die Geschichte des Hundehalters herabwürdigen. Die ist ihm wichtig. Es ist eher so, dass sich im Kopf Ansatzpunkte herauskristallisieren. Lösungsorientiertes Vorgehen setzt dort an, wo mal etwas funktioniert hat. Bittet man den Hundehalter, zu erklären, was alles funktioniert, werden die Antworten schon zögerlicher kommen.

Hat der Halter für sich entschieden: Mein Hund ist nun mal kompliziert, so fällt es durchaus viel leichter, weitere Probleme zu benennen. Auch zu dem jeweiligen Problemverhalten wird es Situationen geben, in denen das Problem einmal nicht aufgetreten ist. „Mein Hund bellt immer“ oder „er hört nie“ sind Verallgemeinerungen (die uns allen durchaus leicht fallen). Die Situationen, in denen der Hund nicht bellt gilt es zu erfassen. Was sind die Begleitumstände? War der Hund satt, war er müde oder gerade mit seinem Ball beschäftigt? War der Halter entspannt, abgelenkt oder hatte gute Laune? Wenn etwas funktioniert, sollte dies häufiger getan werden. Diese „es funktioniert“ –Momente werden in den Fokus gerückt.

Ist der Hundehalter der Meinung, sein Hund würde wirklich immer bellen (die Sicht auf die Lösung ist ihm versperrt), kann es helfen, andere gut funktionierende Situationen genauer zu betrachten. Wie verhält sich der Hund dann, der Halter usw.

Die Erlebenswelt des Hundehalters

Die Situationen, in denen Probleme nicht aufgetreten sind, entstammen der Erlebenswelt des Hundehalters. Und auch genau da muss angesetzt werden. Auch das klingt zunächst einfacher als es ist. Als Berater hat man einen wunderbar unbeteiligten Blick auf eine Situation. Wir würden wissen, was zu tun ist, um das Problem zu beheben. Dabei müssen wir aber bedenken, dass der Hundehalter das mit seinen Mitteln, in seinem Umfeld und mit seiner Fähigkeit lösen muss. Das reine benennen einer Lösung (selbst bei einfachem Management wie „Hund anleinen“) hilft noch nicht, das Problem zu lösen. Er muss es nämlich in seiner Erlebenswelt umsetzen können. Er muss es auch dann umsetzen, wenn er aufgeregt ist, wenn er krank ist oder wenn der Gatte rät „jetzt lass doch mal den Hund“.

Wenn ein Hundehalter zum Training kommt, trifft dessen Erfahrungsschatz, Lerngeschichte, Persönlichkeit und seine Genetik auf all diese Komponenten beim Hundetrainer. So pathetisch soll das gar nicht klingen. Es soll nur eines klar werden: Lösungen von außen müssen erst in das Leben des Hundehalters integriert werden. Einfacher ist es für den Hundehalter, wenn er selbst auf die Lösung kommt. Der Berater leitet ihn mit Fragen zu diesem „Aha-Effekt“.

Hierfür mal ein Beispiel: Inge Müller kommt mit Schnauzerrüde Rocco. „Der bellt mir zu oft“ wäre eine Situation, die sie benennt.

Frage: „Wie verhalten Sie sich denn, wenn er bellt“

Antwort: „Na ich schimpfe laut, aber der reagiert gar nicht auf mich.“

Frage: Was machen Sie denn, wenn er wieder leise ist?

Anwort: „Dann bin ich froh, dass endlich Ruhe ist.“

Frage: „Was genau tun Sie dann?“

Antwort: „Na was soll ich da groß tun, ich mache weiter den Abwasch“.

Kurze Zusammenfassung: „Ok, also ich verstehe das so, dass sie ihn ansprechen, wenn er bellt und ignorieren, wenn er nicht bellt, ist das so richtig?“

Antwort: „Ähm, ja, genau. Und ich will, dass er einfach nur ruhig ist.“

Frage: „Was würden Sie sagen, wann genau er ihre Aufmerksamkeit bekommt?“

Antwort: „Hhm, wenn er bellt. Aber da schimpfe ich, das kann er ja nicht gut finden!“

Frage: „Und wenn er nicht bellt, was bekommt er dann?“

Antwort: „Hhm, stimmt eigentlich, dann hat er ja gar nichts davon.“

Frage: „Was könnten Sie denn tun, wenn er sich leise verhält?“

Antwort: „Ich könnte ihm eine Scheibe Wurst geben, die mag er so gerne“…

Inge Müller wird ihrer Freundin aufgeregt am Telefon erzählen, dass es ihr erst mal bewusst geworden ist, dass sie das bisher völlig falsch angegangen ist und nun immer Wurst geben wird, wenn Rocco ruhig bleibt. Würde man ihr sagen: „Wurst wenn er ruhig ist“ wäre ihre Antwort lapidar: „Die hat gesagt, ich soll Wurst geben, wenn er ruhig ist.“

An dieser Stelle kann dann auch zur Untermauerung Lernverhalten erklärt werden, an exakt diesem Beispiel. Die Frage „Was können Sie statt Wurst noch tun?“ lässt weitere Ressourcen ins Blickfeld rücken (spielen, streicheln usw.).

Never change a running system

Jeder hat für sich so seine Vorstellungen, was schön ist und was nicht. In der medialen Welt wird viel kommuniziert, was für den Hund schön ist und was vermieden werden sollte. Das passt nicht in jedem Fall zusammen.

Auch ich habe in Beratungsgesprächen mehr als einmal gedacht: „Nee, das würde ich keine fünf Minuten aushalten.“ Wichtiger für das Problem des Kunden ist aber, was für ihn funktioniert. Nehmen wir mal den Hundehalter Herr Dreizack, der freudig und mit strahlendem Blick erzählt, er entspannt zusammen mit seinem Hund beim Angeln. Auch wenn der Gedanke „Fischmörder“ aufploppt, hilft es ihm nicht, wenn wir raten: „Och, gehen sie doch lieber in den Wald, das entspannt auch.“

Der Hundehalter sucht eine Lösung für sein Problem und muss hierfür schon genügend Veränderung in Kauf nehmen. Wollen wir ihm nun unsere Lebensphilosophie aufstülpen, werden wir nicht immer auf vollumfängliche Zustimmung stoßen. Geht der Hundehalter mit einer langen To-Do Liste aus dem Gespräch, was ab heute alles anders laufen soll, ist er überfordert.

Situationen, Einstellungen oder Handlungen, die gut laufen, sollten – so lange es vertretbar ist – nicht verändert werden.

Damit die To-Do Liste des geneigten Lesers jetzt nicht zu lang wird, werde ich an dieser Stelle aufhören.

Kurz zusammengefasst:

  • Dort ansetzen, wo in der Vergangenheit etwas funktioniert hat
  • Den Halter durch Fragen selbst auf die Lösung bringen
  • Akzeptieren statt philosophieren

Im dritten Blog zur Gesprächsführung wird es darum gehen, wie mit dem Hundehalter sukzessiv eine umfänglichere Veränderung angegangen werden kann. Dazu werde ich eine Methode vorstellen, mit der man Veränderungen „messbar“ machen kann.

 

 

 

 

Gesprächsführung für Hundedienstleister I

Haben Sie sich schon mal gefragt, wie ihre Kunden nach ihrer gemeinsamen Trainingsstunde weiter verfahren? Was geht ihnen durch den Kopf, was haben sie aus der Stunde wirklich mitgenommen? Wie reagiert das Umfeld auf die Veränderungen?

Auch wenn man selbst nicht einem systemischen Ansatz folgt, ist alles in Systeme eingebettet. Selbst wenn es im Training gelingt, neues Wissen zu etablieren, kann viel dazwischen kommen, so dass die Trainingseinheit im Nirvana verpufft. Es reicht zum Beispiel aus, wenn Inge Müller freudig ihrer Freundin vom Training erzählt und diese sagt, das sei alles Blödsinn.

Ich habe mir überlegt, etwas zur lösungsorientierten Gesprächsführung zu schreiben. Das werde ich in drei Teile aufteilen. In Teil I wird es um den Gesprächsbeginn gehen und um die Wichtigkeit von Zielsetzung. Der zweite Teil wird sich mit wichtigen Bausteinen der lösungsorientierten Gesprächführung befassen und in Teil III wende ich mich der Frage zu, wie Veränderungsmotivation aufgebaut werden kann.

Mein Psychologiestudium habe ich im März 2007 beendet und seit dem führe ich im Berufsalltag Gespräche. Wie man das richtig bewerkstelligt, habe ich erst viel später erfahren. Zum einen habe ich etwas Erfahrung in den fast zehn Jahren sammeln können. Andererseits habe ich Wissen auf Weiterbildungen erlangt. Beides möchte ich nun in den Hundetrainerkontext einbetten.

Einer meiner Anfängerfehler war, dass ich in so einem Beratungsgespräch viel Wissen mitgeben wollte. Also habe ich gleich von Anfang an viel erzählt. Es sollte sich ja auch lohnen.

McGuire beschreibt ein Informationsverarbeitungsmodell. Demnach muss eine Information: Aufmerksamkeit erregen, verstanden, akzeptiert und beibehalten werden, damit sie sich im Verhalten etabliert. Sprich also, um einen Tipp umzusetzen, muss er erst einmal für interessant befunden werden. Er muss auch richtig verstanden worden sein und auf die Akzeptanz des Hörers stoßen. Zu viele Informationen sollten in einem Beratungsgespräch nicht gegeben werden. Während die Tatsachen auf den Halter einprasseln, ist er vielleicht noch bei dem Gedanken, ob er den ersten Hinweis akzeptiert oder gar verstanden hat.

Wie kann man nun also ein Gespräch besser beginnen, als sich gleich in die Wissensvermittlung zu stürzen?

Anliegenklärung

Ein ganz wichtiger erster Schritt im Gespräch ist die Klärung der Rolle der Beteiligten. Welche Erwartungen hat der Hundehalter an das Training und die Trainingseinheit? Ein Hundetrainer kann sich eine Situation neutral anschauen. Er kann zielgerichtet Hinweise geben. Aber er kann in den seltensten Fällen in einer Stunde das Verhalten des Hundes komplett ändern. Das muss der Halter schaffen, mit Hinweisen, die er im Training erfährt. Dafür muss der Halter auch außerhalb der Trainingseinheit etwas tun. Diese Aufgabenverteilung muss klar sein.

Zeitrahmen

Es ist ebenso wichtig, den Zeitrahmen zu benennen. Zunächst für das Gespräch. Wurden 60 Minuten gebucht, sollten diese nicht kostenlos weit überzogen werden. Das kann auch bedeuten, dass man Themen auf einen nächsten Termin verschiebt. Zudem kann es sinnvoll sein, zu erfragen, zu wie vielen Trainingsstunden der Hundehalter bereit wäre. Auch der Zeitrahmen, bis wann eine Verhaltensänderung realistisch angestrebt ist.

Zielklärung

„Mein Hund soll nicht mehr an der Leine ziehen“. Dieses Ziel ist schnell benannt. Aber was wird statt dessen vom Hund gewünscht? Dieses „nicht an der Leine ziehen“ kann sehr unterschiedlich aussehen. Die Erwartung des Halters ist zu erfragen, wie genau für ihn das „nicht mehr ziehen“ aussieht. Soll der Hund hinter dem Halter laufen, neben dem Halter?

Soll er sich frei bewegen dürfen, nur dass er von selbst darauf achtet, dass kein Zug auf die Leine entsteht? Was soll er dann machen? Langsamer laufen? Stehen bleiben? Je genauer der Halter den Wunschzustand beschreibt, desto mehr konzentriert er sich auf die Lösung. Er bewegt den Blick vom Problemfokus zum Lösungsfokus.

Weiterhin sehr wichtig für die Gesprächsführung ist eine Zielklärung für das jeweilige Gespräch. Was genau möchte der Halter aus diesem Gespräch mitnehmen? Hier müssen die Ziele manchmal angepasst werden.

Nicht selten verzichten die Hundehalter auf etwas anderes, um Geld für das Hundetraining zu haben. Die Erwartungen sind dann natürlich hoch. Dafür ist die Problempalette in der Hund-Halter-Interaktion oft breiter als gedacht. Hinter dem „an der Leine ziehen“ liegen oft weitere Probleme, die vom Halter nicht erkannt werden (geringe Frustrationstoleranz, mangelnde Kommunikation, Ängste usw.). Also sollte geklärt werden, was ein Ergebnis dieses einen Gespräches sein kann, mit dem beide Parteien zufrieden sind.

Sprachlich anpassen

Wer sich viel fachlich mit Hundethemen auseinandersetzt, nimmt dabei Fremdwörter auf, die schnell in den allgemeinen Sprachgebrauch übergehen. Je nach Gegenüber kann das zu Verwirrungen führen. Die Information muss verstanden werden (McGuire). Es kann daher sinnvoll sein, den eigenen Sprachgebrauch dem Hundehalter anzupassen.

Selbst in Gesprächen mit Fachleuten kann es sinnvoll sein, zu hinterfragen, was mit den einzelnen Fachbegriffen gemeint ist. Gleiches gilt für medizinische Diagnosen. Hat ein Fachmann die Hyperaktivität diagnostiziert oder ist es eine Annahme des Halters, die er durch Lesen im Internet herausgefunden hat?

Zwischenstände „festhalten“

Hundehalter, die an einem Problem arbeiten möchten oder müssen, haben oft einen Leidensdruck. Sie wollen im Gespräch ihr Problem schildern. Es interessiert sich jemand für ihr Problem und ihre tägliche Anspannung wegen dieser Situation. Der Hundehalter hinterfragt und der Halter erzählt daraufhin noch mehr.

Es kann sinnvoll sein, nach einigen Minuten einen Zwischenstand zusammenzufassen: „Ok, ich habe das so verstanden, dass….“. Mit diesem Zwischenfazit kann man den Halter auch gut aus dem „Problemtrance“ herausholen. Das ist ein Zustand, bei dem sich der Halter in das Klagen über das Problem festreden kann. Im Anschluss an die Zusammenfassung kann der Fokus bereits gut auf erste Lösungen gelenkt werden. Hierfür ein Beispiel: „Ok, ich habe das so verstanden, dass Struppi ihnen jedes mal fast den Arm rausreißt, wenn er etwas zu schnüffeln findet. Wenn er einen anderen Hund sieht, zerrt er noch mehr an der Leine und achtet auch nicht auf ihr Rufen. Wenn er an der Leine läuft und zerrt, nimmt er sie überhaupt nicht wahr. (Problemraum). Gibt es denn Situationen, in denen der Hund auch mal entspannt an der Leine läuft? (Lösungsraum).

An dieser Stelle kommen wir schon zu der Arbeitsweise, die im Teil II beschrieben wird.