Psychische Erkrankungen des Menschen – auf Hunde übertragbar?

„Ihr Kind hat Untergewicht.“ sagt der Arzt, der der Mutter ihr frisch geborenes Kind in den Arm legt. „Was, das sieht doch aber normal aus?“ fragt die erschrockene Mutter, die ihren 4300 Gramm schweren Jungen kritisch betrachtet. „Ja“, meint der Arzt väterlich, „das Geburtsgewicht für Rinder geht aber bei 20 kg los.“.

Verwirrend, oder?

Natürlich käme (hoffentlich) niemand auf die Idee, auf menschliche Kinder Zahlen oder Daten aus dem Veterinärbereich zu übertragen. Anders herum scheint sich gerade ein Trend zu entwickeln. Es werden Erkrankungen aus dem Humanbereich auf Hunde übertragen. Daher auch mein – ich bitte um Entschuldigung – drastisches Eingangsbeispiel. Ich spreche hier vom Kapitel F des ICD 10. Dort werden psychische Störungen des Menschen aufgelistet.

Wenn man (Human-)Psychologie studiert (oder Medizin), dann wird im Fach „Klinische Psychologie“ Störungswissen vermittelt. Die Kriterien, wie einzelne Störungen beschaffen sind, sind in einem Katalog zusammengefasst. Dieses gibt es als ICD 10 (international classification of diseases) oder als amerikanische- und Forschungsvariante DSM V. Beides sind Klassifikationssysteme, die dimensionale Merkmalsausprägungen kategorisieren. Dahinter steckt folgendes: Menschliche Verhaltensweisen sind selten wie bei Computern 1 oder 0. Also vorhanden oder nicht vorhanden. Es gibt Abstufungen, die sehr vielfältig sein können. Verschiedene Grade und Formen von Angst oder Depressivität. Aufgabe von Gremien von Wissenschaftlern ist es nun, in einem Kategoriensystem (1 oder 0) festzuhalten, ob das vielfältig gezeigte Verhalten einer Kategorie zuzuschreiben ist. Dafür werden regelmäßig Revisionen vorgenommen. Die 10 sagt, dass wir gegenwärtig die zehnte Variante dafür vorliegen haben, aktuell als GM (german modulation) in der Version für 2018.

Um festzulegen, ob ein Verhalten „häufiger“ oder „intensiver“ bzw. „länger“ als bei anderen vorliegt, wird ein Referenzwert festgelegt, an dem sich dann Intensitäten oder Zeiträume festmachen lassen.

Jetzt könnte man die berechtige Frage stellen, wozu man solche Klassifikationen überhaupt benötigt. Warum muss ich einem Verhalten einen Namen geben? Warum kann nicht einfach ein Mensch individuell behandelt werden?

1.

Klassifikationssysteme haben ihren Wert zum einen in der Abrechnung von Leistungen (Kommunikation mit der Krankenkasse, ob ein Verhalten behandlungsbedürftig ist) und zum

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helfen sie bei der Wahl der Therapieform.

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Auch wenn Diagnosen (= die Zuschreibung zu einer Kategorie) häufig entlastend sind („ich habe keine Schuld an meinem Verhalten, denn ich bin ja krank“) stigmatisieren sie auch. „Der Autist“ oder „der Schizophrene“ und dies leitet wiederum Erwartungen ab. Für einige Störungen lassen kaum noch einfache Kriterien festlegen. So spricht man heute vom Autistischen Störungsspektrum oder vom Schizophrenen Formenkreis. Dies legt nahe, dass eben Autist nicht gleich Autist ist und sich nicht konform verhalten wird, wie man es so generell von einem Autisten erwarten würde.

4.

Bei Klassifikationssystemen einigt man sich auf die einheitliche Verwendung von Begriffen. Begriffen wie F32.1 (mittelgradige depressive Episode) werden klare Inhalte zugeschrieben.

Was inzwischen deutlich geworden sein sollte:

  • da steckt viel Forschung dahinter und auch Statistik
  • da stecken auch viele Kompromisse dahinter (1 oder 0 bei allen Formen von 0,…)
  • das ist auf den Menschen zugeschnitten.

Für den Hundebereich gibt es ein solches Klassifikationssystem nicht. Ein Übertrag der wissenschaftlich für den Menschen erstellten Kriterien auf eine andere Tierart ist leider mit einem wissenschaftlichen Vorgehen nicht zu vereinbaren. Der Bund deutscher Psychologen erhebt in seinen ethischen Richtlinien sehr klare Anforderungen nach Wissenschaftlichkeit. (Siehe Punkt 3.2 http://www.bdp-verband.org/bdp/verband/clips/BER-Foederation-2016.pdf). Eine weitere Richtlinie im Umgang mit Medien hält die Fachleute klar an, sich in ihrem Kompetenzbereich zu bewegen (siehe Punkt 2.4 http://www.bdp-verband.org/bdp/verband/clips/efpa_medienrichtlinien.pdf).

Weiterhin möchte ich bei dem Übertrag dieser Klassifikationssysteme folgendes zu bedenken geben:

Was ist hündisches Normalverhalten?

Anders als bei der Grundlagenforschung, die sich Fragestellungen widmet, welche Fähigkeiten Hunde generell haben können (kognitive Fähigkeiten, Farbsehvermögen, generelle emotionale Fähigkeiten) ist Normalverhalten bei Hunden nicht so einfach festzulegen. Der Hund ist wie kein anderes Tier durch selektive Zuchtwahl verändert worden. Hierbei wurden einzelne Merkmale übersteigert gezüchtet. Es wurden quasi statistische Ausreißer gezüchtet. Würde man hier ein Normalverhalten im Sinne „alle Hunde als Basis“ festlegen, gäbe es viele Normabweichungen. Dies erschwert das Erstellen von Klassifikationssystemen.

Kognitive Fähigkeiten der Hunde nicht überschätzen

In den letzten 100 Jahren hat sich ein drastischer Wandel vollzogen. Sprach man vor gar nicht allzu langer Zeit noch von Anthropomorphismus (Vermenschlichung), wenn Tieren menschliche Emotionen zugestanden wurden, so geht die Tendenz heute in eine exakt andere Richtung. Konok und Kollegen (Konok, Nagy, Miklosi 2014) haben Hundehalter befragt und erschreckend hohe Werte gemessen, was Hundehalter ihren Hunden an Emotionen zugestehen. Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass Menschen sich Emotionen beim Hund vorstellen, wie bei sich selbst auch. Das haben die Probanden auch für höhere Emotionen wie Eifersucht (über 90% der Halter) oder Verlegenheit (über 70% der Halter) angegeben. Bisher liegen keine belastbaren Studien über das Vorliegen solcher „secondary emotions“ vor. Um eifersüchtig zu sein müssten Hunde kognitive Prozesse vollziehen, die so wissenschaftlich noch nicht belegt sind. Aus diesem Grund sollte kein System, welches auf menschliche Kognition zugeschnitten ist auf eine Tierart übertragen werden, die diese kognitiven Leistungen nicht erbringen können.

Angemessene Therapieformen ableiten

Ein letzter Punkt, den ich aufgreifen möchte, ist das Ableiten von Therapieformen. Auch diese sollten wissenschaftlich fundiert abgeleitet werden, zumal das Hauptkriterium von Psychotherapie beim Menschen, die sprachliche Vermittlung, wegfällt. Hier möchte ich auf den Berufsverband deutscher Psychologinnen und Psychologen verweisen: http://www.bdp-verband.org/psychologie/psytherapie.shtml. Wer einen Einblick erhalten möchte, wie Veränderungsprozesse beim ICD besprochen werden, kann sich hier informieren: http://www.dimdi.de/static/de/klassi/icd-10-gm/vorschlagsverfahren/index.htm

Zusammengefasst wird deutlich, dass bei der Klassifikation psychischer Störungen bei Hunden noch sehr viel Forschungs- und Abstimmungsarbeit interdisziplinärer, wissenschaftlicher Teams zu leisten wäre.

Gegenwärtige frei benutzte Begriffe aus dem Humanbereich in der Hundewelt verwirren eher. Ein Übertrag menschlicher Kategorien wie am oben genannten Beispiel der F32.1 – mittelgradigen depressiven Episode mit Gefühlen von Wertlosigkeit oder Schuldgefühlen bringt leider nicht weiter. Das ICD 10 ist mit seinen Inhalten auf den Menschen zugeschnitten.

Ich würde mir wünschen, dass in der Hundewelt wissenschaftlich basierte Erkenntnisse Beachtung finden. Diese sind immer vorsichtig formuliert und wirken daher etwas unsicher. Wissenschaftliche Studien treffen Aussagen über Wahrscheinlichkeiten und Studien beweisen nichts. Ich kann nur anregen, Aussagen zu hinterfragen. Nach Quellen zu fragen. Wo kann man eine Aussage nachlesen? Wie wurde das untersucht? Wissenschaft lebt schließlich vom Disput.

 

 

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