Hundehaltung – Bauchgefühl oder analytisches Denken?

Vertraue ich bei meinen Entscheidungen wirklich immer nur auf Fakten? Ist es falsch, wenn ich auf mein Bauchgefühl höre? Unterlaufen mir systematische Fehler bei meinen Entscheidungen? Am Beispiel der Hundefütterung werden einige bekannte Fehlertendenzen aufgezeigt, die uns unterlaufen, wenn wir eine Entscheidung treffen oder ein Urteil fällen.

Wir Hundehalter treffen im Zusammenleben mit unseren Hunden eine Vielzahl von Entscheidungen. Welches Futter empfiehlt sich für meinen Hund? Zeigt mein Hund ein Verhalten, welches ich besser mit einem Hundetrainer besprechen sollte? Entscheide ich mich für oder gegen eine bestimmte Behandlung beim Tierarzt? Transportiere ich meinen Hund im Kofferraum oder auf der Rückbank? Sollte ich meinen Hund im Sommer scheren?

Entscheiden unter Unsicherheit

Auch wenn Hundehalter sich eben solche Fragen häufig stellen: über die Prozesse, die bei Entscheidungen ablaufen, denken wir selten nach. Dennoch fassen wir ganz gezielt Entschlüsse und fällen Urteile, haben eine Meinung zu etwas oder positionieren uns in einer Debatte. Das menschliche Wahrnehmungssystem ist dabei einer extrem großen Menge von Informationen ausgesetzt. Die Sortierung dieser immensen Wissensmenge erfolgt durch Muster und Kategorien. Diese geben uns eine grobe Orientierung und damit auch Sicherheit.

Eine Komponente, die bei diesen Vorgängen beteiligt ist, ist Unsicherheit. Wir entscheiden unter Ungewissheit und greifen auf verfügbares Wissen zurück. Im Folgenden wird es also nicht um die Beantwortung der Frage gehen, welche Fütterungsform empfehlenswert ist oder ab wann man einen Hundetrainer benötigt. In diesem Artikel werden Entscheidungsvorgänge und Verzerrungen von Denkprozessen beschrieben, denen Hundehaltern in ihrem Alltag begegnen. Zum einen unterlaufen ihnen selbst diese Fehler und andererseits sind sie mit Meinungen, Ansichten oder Überzeugungen anderer konfrontiert.

Warum mache ich Fehler?

Denn, wenn Entscheidung getroffen werden, können dabei Fehler unterlaufen. Möglicherweise werden diese Irrtümer systematisch begangen. Sie passieren jemandem also häufiger und nicht nur einzelnen Hundehaltern.

Natürlich geschehen diese Fehler nicht beabsichtigt. Es ist nicht in jedem Fall möglich, alle notwendigen Aspekte in eine Entscheidung einzubeziehen. Entweder etwas ist noch nicht ausreichend untersucht oder der Entscheider ist kein Spezialist auf dem Gebiet, in dem er eine Auswahl treffen muss. Diese Entscheidungen müssen gelegentlich auch innerhalb einer begrenzten Zeitspanne getroffen werden. Es ist dann nicht immer möglich, sich umfassende Informationen einzuholen oder die vorliegenden Fakten erscheinen widersprüchlich.

Das Bauchgefühl

Gerd Gigerenzer, der Direktor des Berliner Max-Planck-Institutes für Bildungsforschung beschreibt in seinem Buch „Bauchentscheidungen“, dass intuitive Entscheidungen aus dem Bauch heraus oft nicht die schlechtesten sind. So können wir einen Ball fangen, ohne uns über eine exakte Flugbahnberechnung sicher sein zu können, wo er aufschlagen wird. Polizisten erkennen auffällige Personen an Kriterien, die sie nicht bewusst benennen können – liegen dabei jedoch häufig richtig.

Sogar Entscheidungen, bei denen wir vermeintlich völlig unwissend sind, können wir zielsicher treffen. So fragten Gigerenzer und Goldstein amerikanische und deutsche Studenten, welche Stadt größer sei: Milwaukee oder Detroit. Amerikanische Studenten gaben zu etwa 60% richtige Antworten und deutsche Studenten lagen komplett richtig. Diesen Unterschied erklärten die Autoren damit, dass die befragten deutschen Studenten die Stadt Milwaukee schlichtweg nicht kannten. Da sie jedoch schon von Detroit gehört hatten, griff die Faustregel: „du kennst es, also wird es wohl größer sein“.

Bauchentscheidungen können also laut Gigerenzer wichtig sein, dennoch werden wir uns nun einige spannende kognitive Verzerrungen anschauen. Der Begriff Kognition (lat. „erkennen“) besagt, dass es sich dabei um Prozesse wie Denken, Wahrnehmung und Problemlösen handelt. Sprechen wir von kognitiven Verzerrungen, so geht es um systematische Fehler, also Fehler, die mit einer gewissen Struktur und Häufigkeit auftreten.

Daumenregeln helfen

Eine Heuristik ist eine Methode, mit der vielschichtige Probleme auch dann gelöst werden können, wenn nicht alle notwendigen Informationen vorliegen („Daumenregel oder Faustregel“). Am Beispiel der Hundefütterung werden nun einige Denkfehler aufgezeigt, die Hundehaltern häufig unterlaufen können. Die gewählten Beispiele sind zufällig gewählt und für das Ableiten von Fütterungsempfehlungen ungeeignet.

Gerade die Entscheidung darüber, welches Futter der Hundehalter seinem Hund verabreichen sollte, ist von widersprüchlichen Informationen geprägt. Die einen schwören auf Rohfütterung, andere sind völlig dagegen und versprechen durch ein Trockenfutter Langlebigkeit und Gesundheit. Wieder andere sind überzeugt, verschiedene Zusätze zu verabreichen, schwören auf eine bestimmte Handelsmarke oder kochen für ihren Hund. Da auf Grund der großen Komplexität nicht alle ernährungswissenschaftlichen Überlegungen einbezogen werden können, entscheiden die Hundehalter unter einer gewissen Unsicherheit. Hier greifen nun besagte Heuristiken und kognitive Verzerrungen.

Welche kognitiven Verzerrungen passieren uns?

Die Autoren Kahnemann und Tversky haben bereits im Jahr 1974 einen Artikel im Fachblatt „Science“ veröffentlicht („Judgement under uncertainty: Heuristics and Biases) und beschreiben verschiedene Fehlertendenzen bei menschlichen Entscheidungen. Vier Jahre später entwickelten die beiden Autoren aus diesen Annahmen eine Theorie, für die sie den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhielten (Amos Tversky war zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben). Sie konnten zeigen, dass Menschen eben nicht ausschließlich rationaler Logik in ihren Entscheidungen folgen.

Auch zu Zeiten, da soziale Medien noch nicht das Informationsverhalten von Hundehaltern beeinflusst haben, fand auf Hundewiesen oder im Zoofachhandel ein reger Austausch statt. Es galt dann, das Gehörte zu wichten und eine Fütterungsentscheidung zu treffen.

Verfügbares Wissen

Alleine die Tatsache, etwas wiederholt zu hören (egal von wem) führt dazu, die Information zunehmend positiver zu bewerten (wenn man ihr anfangs neutral gegenüberstand). Lehnt man eine Information zu Beginn ab, so führt zunehmende Wiederholung zu einer weiteren Ablehnung. Diese Erkenntnis, auch mere-exposure-Effekt genannt, nutzt beispielsweise die Werbeindustrie, auch wenn uns das ständige Präsentieren von Werbelogos unsinnig erscheint.

Eine ähnliche Erklärung liefert die Verfügbarkeitsheuristik: Wenn wir uns leicht an etwas erinnern können, glauben wir, dass etwas häufiger passiert. Ebenso glauben Menschen daran, dass ein Ereignis häufiger eintreten kann, wenn es sie es selbst schon einmal erlebt haben. Fragen wir also einen Hundehalter nach der Häufigkeit von Magendrehungen, so wird die Antwort dadurch beeinflusst, ob er selbst schon einmal eine Magendrehung bei seinem Hund erlebt hat.

Meine Überzeugung….

Ein häufiger Fehler, der bei Bewertungsprozessen unterlaufen kann, ist der confirmation bias (Bestätigungsfehler). Wer von einer Fütterungsform überzeugt ist, wird gegenläufige Informationen dazu weniger wahrnehmen und zustimmende Aussagen umso besser erkennen. Wenn jemand also von der Futtermarke xyz überzeugt ist, nimmt er selektiver wahr, wenn diese Marke gelobt wird als wenn jemand etwas negatives berichtet. Informationen werden also so ausgewählt und interpretiert, dass sie eigene Erwartungen bestätigen. Entsprechend zögerlich verläuft dann auch eine Meinungsänderung.

Wendet sich der ratsuchende Hundehalter an die Fachwelt, um eine Fütterungsempfehlung zu erhalten, so bekommt er die Empfehlungen häufig aus dem Bereich, in dem der Fachmann sich auskennt. Dass der Tierarzt zu einem Trockenfutter und der Heilpraktiker eher zu einer alternativen Fütterungsform rät, kann daran liegen, dass diese jeweiligen Fachleute eher in Bereichen Lösungen suchen, in denen sie über viel Wissen verfügen. So kann leicht der fälschliche Eindruck entstehen, dass der jeweilige Fachmann damit andere, eigennützigere Strategien verfolgt.

Ähnlich würde es sich verhalten, wenn der Hund lahmt: Der Tierarzt rät zur medizinischen Behandlung, der Hundephysiotherapeut zur Physiotherapie, der Ernährungsberater zu einem Futterzusatz, der Hundesportler rät zur Schonung und der Fachhandel informiert über Booties. Natürlich schließen sich diese Empfehlungen nicht aus und können ergänzend sinnvoll sein. Es soll nur demonstriert werden, das die jeweiligen Fachleute eine entsprechende Antwort aus ihrem Fachbereich bereithalten könnten.

Wir erkennen Zusammenhänge, wo keine sind

Wir Menschen neigen dazu, Muster zu erkennen (Clustering-Illusion), auch dort, wo keine Muster vorhanden sind. Aus rein zufälligen Ereignissen wollen wir Strukturen und damit auch Sicherheiten ableiten. So neigen wir dazu, aus zwei zufällig gemeinsam auftretenden Ereignissen einen Zusammenhang abzuleiten.

Erkennt der Hundehalter beispielsweise bei seinem Hund Schuppen, so kann er schnell zu der Überlegung gelangen, dass dies am neuen Futter liegen wird. Er wird nicht nur das Futter wechseln sondern möglicherweise darüber informieren, dass Hunde von diesem Futter Schuppen bekommen.

Dabei kann der Grund für die Schuppen in einer Hormonumstellung oder erhöhtem Stress zu finden sein. Aber allein das gleichzeitige Auftreten von den zwei Ereignissen (neues Futter und Schuppen) lässt den aufmerksamen Hundehalter diesen Zusammenhang annehmen. Hierbei sprechen Psychologen von einer illusorischen Korrelation oder auch Scheinkorrelation. Fälschlicherweise wird ein ursächlicher Zusammenhang angenommen, weil zwei unabhängige Ereignisse gleichzeitig auftreten. Das neue Futter wird dabei als Ursache für die Hautveränderung angesehen. Ausschlussdiäten sind deshalb langwierig und fehleranfällig, weil hier eben nicht eine solche vorschnelle und unkontrollierte Entscheidung getroffen wird.

Ein anderes Beispiel betrifft die häufig vehement verteidigten Strategien, gegen Zecken vorzugehen. So werden unterschiedene Zusätze dem Futter beigemischt und gleichzeitig beobachtet, ob der Hund in dieser Zeit Zecken aufgelesen hat. Der wohlmeinende Hundehalter kontrolliert jedoch nicht systematisch, wie lange er sich mit dem Hund in Zeckengebieten aufhält, ob er nicht zufällig weniger Zeit für lange Spaziergänge mit Freilauf hatte oder ob die Zecken gerade besonders oft vorkommen. Alleine das gleichzeitige Vorhandensein zweier Merkmale (Futterzusatz und Zeckenfreiheit) lässt einen ursächlichen Zusammenhang glauben: Die Gabe des Futterzusatzes bewirkt, dass der Hund keine Zecken mehr bekommt.

Ein Fehler kommt selten allein…

Seine Beobachtungen teilt der Hundehalter im Internet anderen Usern mit und so entstehen Überzeugungen zu sehr unterschiedlichen Parasitenabwehrmethoden. Wird dieser Beitrag dann oft genug geteilt, greift der oben beschriebene mere-exposure-Effekt (was ich häufig lese, wird gut sein) und wenn dieser Anti-Zecken-Tipp meinen Überzeugungen gerecht wird („Chemie ist schlecht“) dann greift der confirmation bias. Der Hundehalter kann also ehrlich überzeugt und mit bestem Gewissen alleine durch kognitive Verzerrungen an einen völlig unwirksamen Zeckenschutz glauben. Dabei neigen wir Menschen dazu, uns für unbeeinflusst zu halten (bias blind spot).

Was ist mit unseren Erinnerungen?

Frei von kognitiven Verzerrungen sind wir auch nicht in unseren Erinnerungen. Der Rückschaufehler besagt, dass wir mit heutigem Wissen eine frühere Entscheidung anders bewerten. „Das hätte mir eigentlich klar sein können.“ ist daher unnötig hart mit sich selbst. Wir bewerten unsere frühere Situation anders, wenn wir das Ergebnis kennen. Wer also einen kostenintensiven Futterzusatz verabreicht hat und jetzt für sich erkannt hat, dass die Investition unnötig war, unterliegt dem Rückschaufehler, wenn er glaubt, das eigentlich gewusst zu haben. Zum Zeitpunkt der Kaufentscheidung war noch nicht klar, ob das Pulver hält, was es verspricht.

Wenn es sich doch aber richtig anfühlt?

Gerade bei dem Thema Hundefütterung darf eine Verzerrungsform nicht unerwähnt bleiben: die emotionale Beweisführung, auch als Stimmungslagenfehler oder Affektheuristik bekannt. Das Thema Fütterung ist sehr stark emotional geprägt. Wichtig ist dabei nicht nur, dass es dem Hund mit dem Futter gut geht, sondern auch dem Hundehalter selbst. Emotionale Beweisführung liegt dann vor, wenn wir aus unseren Gefühlen zu einer Sache eine Tatsache ableiten. Ich fühle mich mit etwas nicht gut, also ist es auch schlecht.

Ein prominentes Beispiel dafür ist die Verfütterung von Trockenfutter. Wer sich nicht gut damit fühlt, seinem Hund graue, optisch und geruchlich völlig identische Murmeln zu verfüttern, wird im Falle der emotionalen Beweisführung schlussfolgern, dass Trockenfutter nicht gut für den Hund geeignet ist. Die empfundene Emotion (Ekel) wird als Beweis für eine Tatsache (ungeeignetes Futter) herangezogen. Ähnliches ließe sich für das Fressen von Aas ableiten. Nicht selten berichten Barfer darüber, dass es ihnen selbst Spaß macht, dem Hund beim Fressen zuzuschauen. Hier würde eine positive Emotion für die Güte eines Futters sprechen.

Der Stimmungslagenfehler gilt insbesondere für negative Emotionen, wie die Negativitätsverzerrung besagt: negativen Informationen wird mehr Aufmerksamkeit eingeräumt als positiven. Dabei reichen bereits wenige negative Informationen aus, um ein Gesamtbild in eine negative Richtung zu verzerren.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich einschätzen, dass Hundehalter in ihrem Alltag einer Vielzahl kognitiver Verzerrungen unterliegen und bei ihren Entscheidungen auf Heuristiken zurückgreifen. Dies betrifft natürlich nicht nur den Bereich der Fütterung sondern ließe sich auch auf jede andere Rubrik im Zusammenleben mit unseren Hunden ausweiten. Mit unseren Bauchentscheidungen liegen wir nach Aussage von Gerd Gigerenzer oft richtig, dennoch unterlaufen uns systematische Fehler (Kahnemann und Tversky).

Diese kleinen Fehler sind uns nicht bewusst. Letztendlich führen diese Verzerrungen nicht ins Verderben, sie beeinflussen lediglich unsere Entscheidungen. Allerdings ist es ratsam, seine eigenen Sichtweisen und liebgewonnene Ansichten hin und wieder zu hinterfragen. Eine Reflektion, wie Entscheidungen getroffen wurden, lässt uns gelegentlich solche kognitiven Verzerrungen entdecken.

Zum Schluss noch ein interessanter und auch lustiger Effekt: Der Dunning-Kruger-Effekt erklärt hin und wieder den Verlauf einiger Diskussionen…

(Dieser Text wurde in der SitzPlatzFuß 28 (2017) abgedruckt)

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