Welche Informationen bekomme ich aus einem wissenschaftlichen Hundeartikel?

 

Welche Informationen finde ich wo in einem wissenschaftlichen Artikel? Lohnt es sich, die gesamte Studie statt einer Zusammenfassung zu lesen? Welchen Vorteil hat das für mich? Wofür nützt ein Quellenverzeichnis? Wie ist nun ein solches Schriftstück aufgebaut, welche Informationen kann man den einzelnen Abschnitten entnehmen? Was sagt ein Ergebnis einer solchen Studie über meinen Hund aus? Antworten auf diese Fragen gibt der nachfolgende Artikel.

Wer mit Hunden zusammenlebt, wird nach und nach Überlegungen anstellen, was der Hund versteht, wie er seine Welt wahrnimmt und was ihm manchmal so durch den Kopf geht. Überlegen wir das für unseren eigenen Hund, sind es Spekulationen, in die wir unsere Erfahrungen einbeziehen. Allerdings bleiben die Überlegungen subjektiv und lassen alternative Erklärungen zu.

Forschen Wissenschaftler nach einer Antwort auf eine solche Frage, beziehen sie mehrere Hunde ein, werten die Ergebnisse statistisch und nachvollziehbar aus und stellen ihr Ergebnis einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung. Damit auch in Finnland oder Italien gelesen werden kann, welche Ergebnisse ein Wissenschaftler mit welchen Methoden erzielt hat und was er daraus ableitet, hat man sich auf eine einheitliche Sprache geeinigt: Wissenschaftliche Artikel – sie werden paper (engl. für Artikel [einer Fachzeitschrift]) genannt, werden auf englisch geschrieben.

Veröffentlicht werden sie in wissenschaftlichen Journals wie „Science“ oder „Animal Behaviour“. Dort reicht der Wissenschaftler seinen Artikel ein und wartet darauf, dass er aktzeptiert und veröffentlicht wird.

Inzwischen gibt es sehr viele dieser paper auch kostenlos über das Internet. Sinn dieser Veröffentlichungen ist eine Diskussion über die Vorgehensweise, Ergebnisse und Schlussfolgerungen und somit auch zum aktuellen Stand der Forschung auf einem Gebiet.

Auch wenn nicht alle Artikel kostenlos zugänglich sind und erst gekauft werden müssen, so lohnt es sich in einer Art Zusammenfassung zu lesen, ob das Paper überhaupt von Interesse ist. Jedem Paper folgt nach der Überschrift ein Abstract. Darin sind die wichtigsten Informationen des Papers zusammengefasst und diese Gesamtschau ist in der Regel kostenlos lesbar.

Nun könnte man meinen, es würde reichen, den Abstract zu lesen, weil damit ja die wichtigsten Informationen aus dem Paper mitgeteilt werden. Wer öfter solche wissenschaftlichen Veröffentlichungen liest, weiß, dass die wichtigsten Fakten im käuflich zu erwerbenden Text des Papers versteckt sind.

Einleitung

Die Einleitung eines solchen Artikels führt den Leser zu einer Kernfrage hin, die untersucht werden soll. Diese Kernfrage wird Hypothese genannt. Diese Hypothesen können ungerichtet sein („Gibt es einen Unterschied zwischen der Riechleistung bei Möpsen und Bloodhounds?“) oder gerichtet („Es gibt einen Unterschied in der Riechleistung dieser beiden Rassen.“). Um die Fragestellung in die bisherige Forschung einzubetten, wird in der Einleitung auf die bisherige Forschung zu diesem Thema Bezug genommen. Dabei soll jede Aussage durch eine Quelle belegt werden. Die Quellen sollen Primärquellen sein, also möglichst eine vorherige Studie oder eine gut belegte Aussage. Daher liest sich dieser Einleitungstext gelegentlich schwierig, da hinter jeder Aussage die Autoren der Studie und das Erscheinungsjahr in Klammern stehen.

Besonders wenn man sich in eine Materie einarbeiten möchte, liefert die Einleitung wichtige Informationen über den Stand der bisherigen Forschung. Wer sich mit einer Thematik tiefer gehend auseinandergesetzt hat, kann der Einleitung entnehmen, auf welche vorherigen Studien sich die Überlegungen stützen (und welche bisherigen Ergebnisse nicht einbezogen wurden). Die Einleitung einer wissenschaftlichen Veröffentlichung beantwortet also die Frage, „wieso“ etwas untersucht wird.

Methoden und Datenerhebung/Datensammlung

Hier wird dokumentiert, welche Tiere in die Untersuchung einbezogen wurden, wie genau die Datenerhebung von statten ging und welche Testmaterialien verwendet wurden. Im Prinzip dient diese Beschreibung der Möglichkeit, genau diesen Versuch an anderer Stelle wiederholen zu können. Versuchsmaterialien sollen exakt beschrieben werden, so dass jemand diesen Versuch auf die gleiche Weise durchführen könnte.

An dieser Stelle kann der interessierte Leser dann auch ableiten, ob mit dem Versuch gemessen wurde, was gemessen werden sollte. Ebenso kann er sich einen Eindruck verschaffen, wie gründlich die Forscher gearbeitet haben. Zudem kann mit dieser Dokumentation überprüft werden, ob eine ähnliche Fragestellung für andere Hunde (andere Rassen, anderes Alter oder kastriert/unkastriert oder ähnliches) möglicherweise andere Ergebnisse erwarten lässt. Beispielsweise könnte eine Studie über die Auswirkungen einer Fütterungsform, die hauptsächlich an jungen Hunden durchgeführt wurde, mit älteren Hunden bei langjähriger Fütterung andere Werte hervorbringen. Daher lohnt sich immer ein Blick in den Methodenteil einer Studie. Die Methoden können somit etwas über die Qualität der Datenerhebung erkennen lassen.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Frage, ob man selbst ähnlich vorgehen würde, oder ob man selber vielleicht eine andere Idee hat, wie etwas untersucht werden kann. Die Tests von geistigen Prozessen bei Hunden werden zum Beispiel oft an Untersuchungen bei Kleinkindern angelehnt. Daher sind oft gut ausgetüftelte Vorgehensweisen gefragt. Möchte man beispielsweise testen, ob Hunde Stolz oder Scham empfinden, muss der Versuch so aufgebaut sein, dass die zu messende Reaktion eindeutig alleinig die Interpretation zulässt, dass der Hund stolz ist oder sich schämt. Will man diese Aussage durch Futter- oder Spielmotivation ableiten, sind gute Ideen gefragt.

Dieser Teil der Veröffentlichung widmet sich somit der Frage, „wie“ etwas untersucht wurde.

Ergebnisse

Nachdem bekannt ist, wie etwas gemessen wurde, interessiert natürlich, was genau nun bei diesem Versuch herausgekommen ist. Die Ergebnisse einer Studie werden statistisch aufbereitet dargestellt. Wer sich mit Statistik auskennt, kann auch erkennen, wo signifikante (=nicht zufällige) Ergebnisse gefunden worden.

Aus diesem Grund werden in den Ergebnissen die statistischen Verfahren benannt und die Zahlenergebnisse beschrieben. Hier lässt sich auch ableiten, wie sicher das Ergebnis ist. Wer sich mit statistischen Verfahren auskennt, kann auch prüfen, wie genau die Daten betrachtet wurden. Werden Überlegungen zu Häufigkeiten angestellt („Habe ich so viele Übereinstimmungen gefunden wie ich zu finden dachte?“) ist das statistische Verfahren nicht ganz so sicher wie beispielsweise unterschiedliche Messungen zu unterschiedlichen Zeitpunkten.

Für die Einschätzung, welche statistischen Verfahren angewendet werden können, ist die Qualität der Datenbasis entscheidend. Je höher die Rechenoperation, die angewendet werden darf, desto sicherer sind auch die Ergebnisse. Inzwischen sind sogenannte multivariate Verfahren, in die mehrere Überlegungen gleichzeitig einbezogen werden können, aussagekräftiger und auch beliebter. Der Teil einer Veröffentlichung, der die Ergebnisse beschreibt, gibt somit eine Aussage darüber, „was“ herausgekommen ist.

Diskussion

Der Ergebnisdarstellung schließen die Autoren eine Diskussion an, wie die gefundenen Ergebnisse zu dem bisherigen Kenntnisstand passen. Hier wird gewertet, ob Erkenntnisse bestimmte Aussagen unterstützten oder in Frage stellen. Es kann sichtbar werden, dass weiterer Forschungsbedarf notwendig ist. Die Autoren der Studie können an dieser Stelle auch mögliche Probleme bei der Datenerhebung oder Auswertung beschreiben und damit anregen, in einem erneuten Versuch anders vorzugehen.

Die Autoren werden die Erkennt aus ihrer Studie vorsichtig formulieren. Gefundene Zahlen lassen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit die Vermutung zu, dass sich ein Hund auf diese oder jene Weise verhalten könnte. Bezogen auf die Frage mit der Riechleistung könnte ein Ergebnis einer solchen Studie lauten, dass mit einer hohen Wahrscheinlichkeit Grund zur Annahme besteht, dass zwischen den untersuchten Hunderassen ein Unterschied (oder eben kein Unterschied, je nach Ergebnis der Studie) besteht.

Eine wissenschaftliche Studie kann daher eine Aussage treffen: Wir haben das so untersucht und das ist raus gekommen und daher haben wir Grund zur Annahme, dass etwas so oder so sein könnte. Mit einer einzelnen wissenschaftlichen Studie kann nicht nachgewiesen werden, dass sich Hunde immer auf diese oder jene Art und Weise verhalten werden. Daher kann es auch sein, dass sich trotz wissenschaftlicher Daten andere Ergebnisse beim eigenen Hund finden lassen.

In der Diskussion der Ergebnisse wird somit ein Bezug zu den Überlegungen der Einleitung hergestellt und dieser Teil einer wissenschaftlichen Dokumentation beantwortet die Frage, „wozu“ die Ergebnisse abgeleitet werden.

Quellenverzeichnis

Auch wenn das Quellenverzeichnis zunächst wie ein Teil aussieht, den man bei dem Ausdrucken einer Studie gerne auch weglassen kann, so ist diese Aufzählung ein wertvoller Teil der Studie. Die Autoren haben sich die Mühe gemacht, die bisher bestehende Literatur zu durchforsten. Alle Studien, die sie in ihre Überlegungen einbezogen haben, werden aufgeführt (wenn in der vorliegenden Studie benannt). Wer einzelnen Aussagen tiefer auf den Grund gehen möchte, findet im Quellenverzeichnis die Primärstudie, der diese Aussage entnommen wurde.

Das Quellenverzeichnis ist alphabetisch geordnet, enthält eine Angabe zum Erscheinungsjahr und insgesamt einen guten Überblick, welcher Forscher sich mit dem Thema bereits befasst hat. Daher beantwortet das Quellenverzeichnis die Frage, „woher“ vorherige Ideen zu einer Studie stammen.

Welche Relevanz haben diese Studien nun für einen Hundebesitzer? Man kann natürlich sehr gut mit seinem Hund zusammenleben, ohne je eine solche Studie gelesen zu haben. Wer aber Antworten auf Fragen finden möchte, findet in den wissenschaftlichen Publikationen Antworten. Dabei sollte berücksichtigt werden, dass ein Anhäufen von Aussagen, die eine eigene Idee stützen nicht dazu führt, dass etwas sicher bewiesen ist. Wer nach Antworten sucht, sollte auch gegenläufige Ergebnisse nicht ignorieren. Letztendlich ist Wissenschaft nicht dazu da, eigene Sichtweisen zu belegen sondern eine Aussage über die Population – in unserem Fall die des Haushundes – zu treffen.

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