Gesprächsführung für Hundedienstleister III

Woher weiß ich, wie weit der Hundehalter selbst schon in der Lösung seines Problems vorangeschritten ist? Wie kann ich Veränderungen sichtbar messen? Kann der Hundehalter an der Lösung seiner Probleme selbst beteiligt werden?

Wie man Verhaltensänderungen messen kann, wird Inhalt dieses Beitrages sein. Ein Ziel zu benennen, welches erreicht werden soll, fällt relativ leicht. Das ist das Anliegen, welches der Kunde im ersten Gespräch schildert. „Keine Hunde mehr anbellen.“ oder „Nicht mehr jagen gehen.“ So oder ähnlich lauten die Formulierungen der Hundehalter.

Wenn ein Hundehalter sich entscheidet, ein Problem mit Hilfe eines Hundetrainers zu lösen, kann schon einiges an Selbstversuchen vorangegangen sein. Nicht selten fungiert der Hundetrainer als „Strohhalm“, der den Karren aus dem Mist ziehen soll. Andere Kunden wiederum fragen bereits dann nach, wenn sich ein Problem noch nicht „manifestiert“, also verfestigt hat. Es wäre also aufschlussreich, zu wissen, wie der Hundehalter das Problem selbst einschätzt.

Das Messen von Verhalten hat in der Psychologie einen hohen Stellenwert. Letztendlich sollen kaum greifbare Faktoren wie das Empfinden eines Menschen in Zahlen umgewandelt werden. Verhaltensweisen wird eine Zahl zugewiesen.

Wir wollen das subjektive Empfinden des Hundehalters erfassen. Wie schätzt er selbst – unabhängig von anderen Meinungen – seinen Trainingsstand ein. Dazu wird der Hundehalter einfach gefragt. Bei seiner Antwort soll er sich an einer Skala von eins (= Problem ist sehr stark vorhanden) bis zehn (= Problem ist verschwunden) orientieren.

Wichtig ist, den vom Halter eingeschätzten Zustand zunächst nicht zu korrigieren. Dackel Waldi springt permanent an Inge Müller hoch. Er zwickt sie in den Ärmel, weil er keine Aufmerksamkeit bekommt. Sie vergibt eine sieben? Mischling Bolle schaut Ursel Meier aufmerksam an und sie skaliert ihn bei drei? Wichtig ist, dass wir den Halter „dort abholen, wo er steht“. Es geht darum, das Ziel des Hundehalters zu erreichen.

Schauen wir uns die Arbeit mit einer solchen Skala von eins bis zehn (den Vorgang nennt man Skalierung) einmal an. Zunächst werde ich Überlegungen zu einigen Antwortmöglichkeiten geben. Danach werde ich zeigen, wie man mit einer solchen Skala arbeitet.

Skalenwert eins

Wer ein umfassendes Problem wahrnimmt, verfällt in einen Problemfokus. Läuft etwas störungsfrei, wird dies kaum wahrgenommen. Daher wird der niedrigste Wert benannt, wenn das Problem für den Halter einen sehr großen Raum einnimmt.

Mit offenen Fragen kann erfragt werden, in welchen Situationen sich der Hund zufrieden stellend verhalten hat. („Wann waren Sie denn einmal richtig stolz auf ihn?). Je nach Antwort ist so auch etwas über die generellen Ansprüche des Hundehalters zu erfahren.

Der Hundehalter sollte dazu angeleitet werden, gewünschte Verhaltensweisen aktiv zu beobachten. Diese Momente können in einem Trainingstagebuch aufgezeichnet werden. Dadurch wird der Fokus wieder auf das Gesamtverhalten gelenkt.

Skalenwert zwei

Auch wenn eine zwei zunächst erst einmal sehr negativ erscheint, es gibt einen wesentlichen Ansatzpunkt: Es muss schon – wenngleich minimale – Erfolge gegeben haben. Was genau hat den Halter bewogen, eine zwei statt einer eins zu vergeben? Was lief in diese Momenten gut? Diese Situationen gilt es einzufangen. Was hat funktioniert? Wie genau ist der Halter in einem solchen Augenblick vorgegangen? Kann er häufiger so handeln?

Skalenwert fünf

Dieser Wert zeigt zunächst auf, dass in der Vergangenheit bereits erwünschte Situationen beobachtet wurden. Allerdings positioniert sich der Halter in der Mitte. Eine Tendenz in den negativen oder positiven Bereich kann so nicht festgestellt werden. Man sollte hier bitten, sich eher (tendenziell) für eine vier oder eine sechs zu entscheiden. Dies gilt nur für die Erfassung des Anfangszustandes, nicht aber später für die Arbeit mit der Skala.

Skalenwert über fünf

Bei einem Skalenwert über fünf ist der Leidensdruck des Halters nicht sehr hoch. Zum einen kann dies für bereits gelungenes Training sprechen. Der Halter konnte sich selbst helfen und benötigt nun entscheidende Hinweise, wie er weiter agieren kann.

Andererseits kann ein hoher Wert auch dafür sprechen, dass ein Problem nicht unbedingt wahrgenommen wird oder vom Halter nicht ernst eingeschätzt wird. („Der Artax ist ein ganz lieber, ich weiß auch nicht, warum er mich immer wieder anknurrt.“). Hier ist es dann Aufgabe des Trainers, den Halter zu sensibilisieren. Eine Skalierung kann am Ende einer Beratungsstunde wiederholt werden, wenn die anfängliche Einschätzung zu unrealistisch scheint.

Arbeit mit Skalierungen

Der Hundehalter hat das Ausmaß seines Problems nun auf einer Skalierung markiert. Der nächste Schritt wäre die Beschreibung, wie das Leben mit dem Hund bei einer zehn aussehen würde. Das ist die Situation, wenn das Training vollumfänglich Erfolg zeigt. Der Hundehalter soll nun ausführlich beschreiben, wie er sich das Zusammenleben mit seinem Hund bezüglich des Problems wünscht. Dabei visualisiert er innerlich positive Zustände. Im nächsten Schritt werden für die anderen Ziffern Teilziele besprochen. Die Skala kann dabei mit Prozentangaben verwendet werden. Eine fünf wäre, wenn das unerwünschte Verhalten dann in etwa der Hälfte der Situationen auftritt.

Wer nicht mit Prozenten arbeiten möchte, kann mit den Zahlen konkretes Verhalten verbinden. Eine fünf könnte dann vergeben werden, wenn der Hund nicht mehr bellend zur Tür läuft, sondern ruhig bleibt (statt auf seinem Platz zu  liegen). Diese Verhaltensetappen sollen gemeinsam mit dem Hundehalter erarbeitet werden. Es handelt sich dann um Wunschzustände, die der Halter selbst benannt hat. Die Motivation, an den einzelnen Schritten zu arbeiten ist höher, da es die Wünsche des Halters (und nicht des Trainers) sind.

Konkrete Schritte benennen

Hat sich der Halter bei einer Ziffer positioniert, werden erste klare Handlungsoptionen erarbeitet, wie die nächste Zahl erreicht werden kann. Nach einem Beratungsgespräch kann es daher sinnvoll sein, vom Halter umsetzbare Maßnahmen benennen zu lassen. An welcher Stelle kann er konkret aktiv werden, um statt einer drei eine vier zu erreichen? Wie häufig kann er diese konkrete Aufgabe in seinem Alltag umsetzen? Kann er sein Umfeld überzeugen, in gleicher Weise mit dem Hund zu arbeiten?

Schriftlich festhalten

Die Skalierung sollte schriftlich festgehalten werden. Bilder sprechen das Unterbewusstsein an und wirken stärker, als gehörte Informationen. Die Skala kann vom Trainer vorbereitet werden. Den Wert sollte der Kunde selbst einzeichnen. Er nimmt die Einschätzung dann eher für sich selbst an, da er selbst aktiv eine Zahl gewählt hat.

Ein Weg statt schneller Lösungen

Die Skalierung hat den Vorteil, dem Hundehalter einen Weg aufzuzeigen. Statt einer Vanillelösung (schön, billig und leicht zu erreichen) wird optisch sichtbar, dass das Trainingsziel aus vielen kleinen Entscheidungen besteht. Diese Handlungen müssen aktiv vom Hundehalter umgesetzt werden. In weiteren Trainingsstunden kann somit sehr gut gemessen werden, ob der nächste Meilenstein erreicht wurde.

Reaktionen des Halters abfangen

Ich habe in Beratungssituationen erlebt, dass Menschen sehr emotional auf die Skalierung reagieren können. Eine unspezifische Unzufriedenheit mit einer Situation wird dadurch klar aufgezeigt. Das Ausmaß wird sichtbar, ebenso die Länge des Weges zum Wunschzustand.

Der Hundehalter sollte angeleitet werden, sich auf positive Aspekte konzentrieren, kleine Fortschritte deutlich wahrzunehmen und verinnerlichen, dass er auf dem Weg ist, diesen Zustand zu ändern. In diesen Situationen kann auch besprochen werden, dass ein Trainingsziel zu hoch gesteckt wurde.

Nur Verhalten skalieren lassen, das man bearbeiten möchte

In Beratungssituationen spielen neben Verhaltensweisen des Hundes sehr viele Faktoren eine Rolle. Hundetrainer sind daher nicht selten mit vielfältigen menschlichen Problemlagen konfrontiert. Häufig ergeben sich Probleme erst dadurch, dass sekundär (im häuslichen Umfeld, im Arbeitskontext oder in der allgemeinen Lebenszufriedenheit) etwas nicht gut funktioniert. Skalierungen lassen sich natürlich nicht nur im Hundetraining einsetzen, man könnte gleichfalls Lebenszufriedenheit, Veränderungsmotivation oder den Gesundheitszustand des Halters einschätzen lassen. Dabei möchte ich raten, nur mit Aufgabenfeldern zu arbeiten, die man auch selbst fachlich abfangen kann und möchte.

 

In meinen nächsten Beiträgen wird es um eine Methode gehen, wie man Struktur in unübersichtliche Situationen bringen kann. Darüber hinaus werde ich einen Blog zu psychischen Problemen bei Hundehaltern schreiben.

 

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s