Beziehungstypen in der Beratung

„…ich würde ja, aber….“

 Wer mit Menschen beratend arbeitet – also auch Hundetrainer, Tierärzte und andere Hundedienstleister – wird es kennen: Ein neuer Klient hat einen Termin vereinbart und es kommt zum ersten Beratungsgespräch. Noch ist alles offen und man schaut gespannt, wie das Gespräch verlaufen wird.

Es ist dann noch nicht bekannt, wie gut mit dem Klienten zusammengearbeitet werden kann. Manchmal hat man das Gefühl, jemand nutzt einfach die Gelegenheit, mal so richtig Dampf abzulassen. Ein anderer nimmt das Gesagte wiederum dankbar auf und es entsteht das Gefühl, man könne wirklich gut kooperieren. Wieder andere nicken und lächeln, aber so richtig entsteht keine Arbeitsatmosphäre.

In der Psychotherapie ist der wichtigste Wirkfaktor eine gute Therapeuten-Klienten-Beziehung. Um abzutesten, ob diese aufgebaut werden kann, gibt es fünf probatorische Sitzungen, erst dann geht die Therapie richtig los. Den Luxus von fünf Terminen zum Beziehungsaufbau haben Hundedienstleister oft nicht. Hier muss es schneller gehen und es gibt Werkzeuge, an denen man sich schnell orientieren kann.

Steve DeShazer, welcher die lösungsorientierte Kurzzeittherapie „erfand“, unterscheidet drei Beziehungstypen in der Beratung: den Klagenden, den Besucher und den Kunden. Natürlich ist das keine Diagnostik am Menschen sondern eher eine Analyse der Beziehungsqualität zum Klienten. Diese kann man natürlich auch verändern, sie hängt allerdings von beiden Parteien ab.

Nun könnte man die Frage einwenden, ob das nicht etwas banal ist, Menschen in eine dieser drei Gruppen zuzuordnen. Meine Erfahrung sagt mir, dass diese Einordnung in erster Linie natürlich nur grob ist und auch eher der eigenen Psychohygiene gilt. Es wird nicht gelingen, jeden Kunden für seine Sache zu begeistern und das liegt nicht immer an einem selbst.

Schauen wir uns die drei Beziehungstypen einmal an:

  1. Frau Meyer erzählt, ihr Mann habe ihr aufgetragen, mit Hund Struppi mal zur Hundeschule zu gehen. Sie sieht das ja alles nicht so eng, aber ihr Mann möchte, dass der Hund weg kommt, wenn er nicht endlich hört. Der Mann hat ein paar Punkte benannt, die ihn stören. Er selbst möchte nicht mit zur Hundeschule kommen, für so etwas habe er keine Lust. Daher kommt Frau Meyer, auch wenn sie nicht wirklich was verändern möchte. Hier handelt es sich um einen Besucher.

Wie geht man nun mit einem Besucher um? Ein Besucher hat kein wirkliches Anliegen und somit kaum Veränderungsmotivation. Zunächst sollte man sich Zeit nehmen, ihre Geschichte genau anzuhören. Die Befragung sollte sich dahin wenden, wie es zu dem Termin gekommen ist, an welchem Punkt der Mann gesagt hat, sie soll jetzt einen Termin beim Trainer vereinbaren. Welche Verhaltensweisen zeigt der Hund und wie bewerten sie Mann und Klientin unterschiedlich. Wie würde es weiter gehen, wenn Struppi nicht schnell Gehorsam erlangt. Welcher Zeitrahmen ist dabei vorgesehen.

Der Berater sollte freundlich bleiben. Handlungsaufforderungen („Probieren Sie mal dies oder das“) werden nicht fruchten. Hier bietet es sich an, nachzufragen, was für Frau Meyer ein Ziel sein könnte, das sich auch für sie lohnt (vielleicht nervt sie ja heimlich doch etwas an ihrem Hund). Hunde sind oft Symptomträger familiärer Probleme, die ein Hundetrainer nicht lösen kann. Je nach Entwicklung des Gespräches kann eine Beratung zur Abgabe des Hundes sinnvoll erscheinen. Sollte sich Mitwirkungsbereitschaft abzeichnen, kann der Berater weiterführende Angebote (Spielgruppen, Dummytraining, Agility usw. ) unterbreiten und so vielleicht im Verlauf eine Beratungsebene herstellen. Idealerweise gelingt es, Frau Meyer für ein Problem zu sensibilisieren, an dem sie selbst arbeiten möchte.

  1. Frau Müller kommt zu ihnen in die Hundeschule. Sie hat bereits einige Anläufe unternommen, war bei mehreren Trainern der Stadt. Auf den Tisch stellt sie homöopathische Kügelchen, die dem Hund Max verschrieben wurden, die aber alle nichts nützen. Ihr Wissen um die Ängstlichkeit ihres Hundes ist bereits angewachsen, vieles hat sie sich im Internet angelesen. Ihren Standpunkt zu dem Verhalten des Hundes kann sie klar benennen. Sie weiß auch, was das Problem ist. Aber die Nachbarskinder sind immer so laut. Das machen die extra, sicherlich, weil sie mal darum gebeten hat, leiser zu sein. Der Hund ist etwas dicker, das ist die Schuld ihrer Mutter, die füttert oft heimlich Wurst. Würden draußen nicht ständig unangeleinte Hunde auf ihren Hund zulaufen, würde auch die Leinenführigkeit besser klappen. Würden Jogger oder Radfahrer mehr Rücksicht nehmen, könnte sie sich auch auf die Tipps konzentrieren, die sie bereits bekommen hat. Aber nun ist sie ja beim Hundetrainer und erhofft sich, die Probleme schnell lösen zu können. Frau Müller ist eine Klagende.

Wie geht man mit Klagenden um? Klagende kommen mit der Hoffnung, dass jetzt alles besser wird, weil sie den Hundetrainer gewechselt haben. Sie selbst sehen bei sich keinen Anlass zur Veränderung, dabei wollen sie Veränderung: der Hund muss sich ändern, das Umfeld, der Staat oder das System. Es soll was mit dem Hund „gemacht“ werden, damit alles besser klappt. Dies haben die anderen Trainer bisher verbockt aber nun ist ja alles anders.

Zunächst sollte man sich bewusst machen, dass es auch ohne eigenes Zutun dazu kommen kann, dass man in die Riege der bereits besuchten, unfähigen Trainer aufsteigt. Die Erwartung ist hoch und kaum erfüllbar. Zunächst sollte man – ja, das kann richtig nerven – zuhören. Die Hundehalterin hat einen Leidensdruck und den sollte man auch würdigen. Das kann bedeuten, der Halterin zurückzumelden, dass sie es wirklich schwer hat. Sie fühlt sich dann verstanden. Trainingstipps wird sie bereits ausgeführt haben (zwei oder drei mal…) aber die haben alle nicht geholfen. Oft kommt in dieser Phase auch ein „Ja, aber…“

Hier kann man den Umgang mit dem Hund genau hinterfragen und so Situationen herauskristallisieren, die Frau Müller die Wirksamkeit ihrer Handlungen aufzeigt. („Wie verhält sich ihr Hund, wenn sie selbst völlig entspannt sind?“ „Wie verändert sich das Verhalten des Hundes, wenn sie selbst zunehmend gestresster sind“). Beobachtungen werden hinterfragt. Entsprechend kann man auch Hausaufgaben aufgeben, bei denen sich die Halterin selbst in verschiedenen Situationen beobachten soll. Bei der Definition des Trainingszieles ist es wichtig, realistische Ziele zu vereinbaren und den Veränderungsanteil der Halterin klar zu benennen.

  1. Frau Schulze kommt in die Hundeschule, da sie die Leinenaggression ihres Hundes Rambo klar erkannt hat. Sie möchte diesen Zustand ändern und ist auch bereit, dafür zu trainieren. Dafür hat sie sich schon Zeiten herausgesucht, in denen sie ohne viel Hundesichtung laufen kann. Sie möchte jetzt Informationen, wie sie mit ihrem Hund in Konfliktsituationen umgeht. Ihr ist klar, dass sie selbst an dem Problem arbeiten muss und erscheint gut ausgerüstet in der Hundeschule. Hierbei handelt es sich um eine Kundin.

Wie geht man mit einer Kundin um? Nun, die Arbeit an der Kundin ist das, was man sich wünscht. Tipps werden angenommen, es besteht Bereitschaft zu trainieren. Die Kundin ist bereit, sich auf die Methoden einzulassen. Hier können Methoden auch variiert werden, es kann mit Videomaterial gearbeitet werden. Es können auch Hausaufgaben vereinbart werden, dieses oder jenes im Alltag umzusetzen.

Ziel ist es bei allen Klienten, die Beziehung in Richtung einer Kundenbeziehung zu verschieben. Nicht bei allen wird man es schaffen. Im Sinne der Standardnormalverteilung wird es immer einen Anteil von Klienten geben, zu denen man nicht durchdringt. So what, der nächste Klient ist bestimmt wieder angenehmer.

Noch etwas kurioses zum Schluss: Manche Hundehalter verharren unbewusst gern in einer Problemzone. Der kranke Hund, der unerzogene Hund oder der labile Hund lenken nämlich auch schön von eigenen Befindlichkeiten ab. Das ist ihnen nicht bewusst. Hier muss jeder für sich selbst entscheiden, ob er Teil des Spiels bleiben möchte.

Ansonsten wünsche ich viel Spaß beim gedanklichen Einordnen der Klienten. 😉

 

 

 

 

 

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Ein Kommentar zu „Beziehungstypen in der Beratung

  1. Schön, diese Seite bzw. deinen Blog gefunden zu haben. Sehr aufschlussreicher Artikel mit vielen interessanten und tiefgreifenden Aspekten.
    LG Danni

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