Foto von Marlen Bartsch

Warum schiebt meine Tante heimlich Sahnetorte in meinen Hund?

 

Wer kennt es nicht? Besuch mit Hund bei der Tante und während man den Raum verlässt, wandern Sahnetortenstücke unter den Tisch? Sie weiß, dass sie das nicht füttern soll, aber sie reicht mit freudig-erwartungsvollem Blick die klebrigen Stücke unter die Tischdecke. Sie füttert heimlich sogar dann, wenn wir explizit darum gebeten haben, es zu unterlassen.

Spaziergang mit anderen Hundehaltern, der Hund bettelt und – schwupp – wandert ein Stück Fleischwurst ins erwartungsvolle Tier. Auch wenn der Hund danach jedem Spaziergänger an der Jackentasche schnüffelt. Ach naja, man habe es doch einfach nur gut gemeint und sowieso reichlich Wurst dabei.

Als Hundehalter fühlen wir uns dann oft unverstanden. Nicht nur dass der Hund Allergien haben könnte und die Wurst oder Torte nicht gut verträgt. Zudem kann der Hund bei diesem Vorgehen leicht die Form einer Tonne annehmen kann. Es kommt schon die Frage auf, warum sich jemand so verhält. Was ist so toll daran, dem Hund Futter zu geben?

Aber greifen wir uns zuerst mal selbst an die eigene Nase. Wir waren mit dem Hund auf einer langen Wanderung. Erschöpft rubbeln wir ihm den nassen Sand aus dem Fell und freuen uns, wieder in der warmen Wohnung zu sein. Der Hund ist viel gerannt und ausgelastet, selig hechelt er und wirkt müde. Wir stellen ihm einen Napf mit seinem Lieblingsfutter hin, schauen zu wie er frisst und beobachten danach, wie er sich genüsslich in seinem Körbchen ausstreckt und wohlig seufzt. Wie fühlt man sich bei diesem Anblick als Hundehalter? Gut, oder? Man hat selbst alles getan, damit es ihm optimal gut geht. Im Winter dreht man die Heizung noch ein Stück auf, er soll es warm haben.

Wenn ich auf Arbeit meinen (nichthundehaltenden) Kollegen so etwas erzähle, können die das nicht immer ganz nachvollziehen. Was, es hat doch aber geregnet? Da warst du 3 Stunden freiwillig draußen? Wie, du gibst so viel Geld für Hundefutter aus? Reicht da nicht auch ein einfaches Hundefutter?

Die Frage, warum wir es uns so verhalten, ist schnell beantwortet. Wir fühlen uns selbst schlichtweg richtig gut dabei. Der Fachbegriff dazu ist „caregiving behaviour“ und bedeutet so etwas wie „Fürsorgeverhalten“. Dieses Fürsorgeverhalten kann selbst schon bei Kindern beobachtet werden. Wenn wir anderen etwas Gutes tun können, macht uns das selbst „glücklich“. Zumindest fühlen wir uns dabei wohl, es wird das Bindungshormon Oxytocin ausgestreut. Das entspannt uns, wirkt blutdrucksenkend und baut Vertrauen auf.

Zudem unterstellen wir Menschen Reaktionen im Hund, die wir bei uns selbst erleben würden. Wir glauben an Wohlbefinden, eine angenehme Mischung aus ausgelastet, satt und müde, wenn wir dem Hund alles bieten können, von dem wir glauben, dass es der Hund möchte.

Möglich macht das bei uns das Vorhandensein von Spiegelneuronen. Als hoch soziales Lebewesen verfügt der Mensch über Neuronen, die selbst dann feuern, wenn wir eine Handlung nur beobachten. Wenn wir also unserem Hund zusehen, wie er genüsslich mit halb geschlossenen Augen und in entspannter Körperhaltung auf seinem Rinderohr kaut, feuern in unserem Gehirn besagte Spiegelneuronen. Wir empfinden dann eine ähnliche Zufriedenheit.

Was wir dazu benötigen, ist Empathie. Wir müssen die Fähigkeit haben, uns in andere Lebewesen hineinzuversetzen. Das setzt voraus, uns selbst gut beobachten zu können („ich fühle mich wohl, wenn….“).  Außerdem müssen wir so viel Interesse an einem anderen Lebewesen haben, dass wir ähnliche Wohlbefindensmuster annehmen wollen.

Wenn wir nun also der Tante unterstellen, dass sie mit Absicht unseren Hund in ein „breiter als hoch“ – Format füttert, sollten wir bedenken, dass die sich so verhält, weil es ihr gut tut. Ihre Motivation ist dabei nicht, so viele Kalorien wie möglich in kurzer Zeit zu verabreichen, sondern bei sich selbst Wohlbefinden hervorzurufen. Das ist ihr sicherlich so nicht bewusst und das können wir von außen auch erst einmal nicht beobachten.

Die Tante glaubt schon daran, dem Hund mit der Torte etwas sehr gutes zu tun. Deshalb schenkt sie Kindern auch Schokolade und zuckersüße Lollis oder füttert im Park die Enten. Es ist ihre Vorstellung von „etwas Gutes tun“ und vielleicht hat sie in ihrer Kindheit Lebensmittelknappheit erfahren.

Aber ganz so egoistisch ist die Tante nicht. Wenden wir mal eine Technik an, die man „Reframing“ nennt. In einem Verhalten, welches wir selbst erst einmal als negativ bewerten, stecken auch immer positive Anteile. Uns ärgert, wenn die Tante heimlich Sahnetorte verabreicht. Sahnetorte zu füttern bedeutet aber auch, den Hund zu mögen, ihm eine Freude machen zu wollen, und Interesse daran zu haben, dass der Hund gern kommt.

Je nach Beschaffenheit der Tante kann man entweder aufklären, dass die mitgebrachten, mageren Fleischstücke viel besser geeignet sind und diese füttern lassen. Vielleicht kennt sie es aus schlechten Zeiten, dass das Füttern von Torte ein echter Höhepunkt war. In unserer durch Überfluss gekennzeichneten westlichen Welt ist das nicht mehr ganz passend. Klären wir sie doch einfach auf, dass der Hund sich über andere Sachen viel mehr freut und es besser für seine Gesundheit ist.

Wenn der Hund die Torte absolut nicht verträgt, könnte man sie darauf hinweisen, dass der Hund sich dann so fühlt, wie wenn sie ihre XYZ-Tabletten nicht eingenommen hat. Sie ist ja empathisch und kennt das Gefühl von Durchfall.

Ja und falls der Hund die Sahnetorte wegstecken kann und die Tante es nicht lässt, dann muss man selbst eben ertragen, die nächsten beiden Hundemahlzeiten ausfallen zu lassen.

(Vielen Dank an Marlen Bartsch für das Photo)