Der böse Behaviourismus….

 

Betrachtet man sich die gegenwärtigen Diskussionen um Hundetrainingskonzepte, fällt immer häufiger der Begriff Behaviourismus. Es gibt dann die Befürworter, die das richtig gut finden aber auch die Gegner, die ihn in die Mottenkiste der Psychologie stopfen wollen. Wer ist nun im Recht? Oder anders: Kann eine von beiden Seiten überhaupt Recht haben?

Ich erinnere mich noch lebhaft an die ersten beiden Semester meines Psychologiestudiums und die Vorlesungen (die besucht man ja zu Beginn seines Studiums noch rege). Im Psychologiestudium wird der Behaviourismus im ersten und zweiten Semester gelehrt, als historische Grundlage. Hier also meine Sichtweise zum Behaviourismus und dessen Einbettung in aktuelle Strömungen der Psychologie.

Historisch gesehen begann mit der Psychoanalyse und Sigmund Freud erstmals ein näheres Betrachten der Psyche des Menschen. Freud war ein Vorreiter, indem er nachgefragt hat, warum sich Menschen mit Leidensdruck so verhalten, wie sie es tun. Er betrachtete Einzelfälle bis ins kleinste Molekül und schrieb längere Abhandlungen dazu. Wer jetzt sagt, Freud ist alt, der hat schon sooo´n langen Bart: Vergessen wir nicht, dass auch heute noch viele Hundehalter die Erfahrungen mit ihrem eigenen Hund auf die Allgemeinheit übertragen wollen. Freuds Werke sind um die Jahrhundertwende des 20. Jahrhundert entstanden, er starb 1939.

Behaviourismus bezieht sich auf den Begriff „Verhalten“ und genau das ist bei dieser Richtung der Psychologie auch im Fokus. Man schaut sich erst mal nur das Verhalten an, herausgeklammert aus allen weiteren Faktoren wie zum Beispiel Gesundheitszustand, Gemütszustand, Ahnentafel oder Wetterlage. Der Behaviourismus, der kurz nach der Psychoanalyse entstand, hat der Psychologie einen großen Dienst erwiesen. Er ging systematischer an Fragestellungen heran. Es wurde also nicht mehr das Innenleben der Inge Müller umgestülpt, sondern gefragt, wie eine größere Anzahl von Inge Müllers denn so reagieren könnte.

Jeder, der sagt, er würde gern mit Tieren arbeiten, wäre in den Laboren der Behaviouristen gut aufgehoben gewesen, dort wurde viel an Tieren erforscht. Leider manchmal nicht auf die nette Art und Weise, Ratten und Tauben waren beliebte Modelle für menschliches Verhalten. Dies wurde damit erklärt, dass dann das Innenleben erst mal für die modellhaften Untersuchungen nicht interessant war, die berühmte Black Box. Man hat das Innenleben zum damaligen Zeitpunkt auch einfach nicht genauer untersuchen können. Bildgebende Verfahren wurden beispielsweise erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts erfunden. Der Behaviourismus reagierte als Gegenströmung zu den unüberschaubaren und nicht nachkontrollierbaren Sichtweisen der Psychoanalyse. In der Psychoanalyse wird beispielsweise gesagt: „Sie haben Angst, diese wird aber verdrängt“. Sagt der Patient: „Nö, stimmt nicht!“ ist das wiederum ein Beweis dafür, dass er die Angst verdrängt. Das kann man schlecht belegen, es dreht sich im Kreis, wer von beiden hat also Recht?

Um diese undurchsichtigen Prozesse sichtbar zu machen, wurden nachvollziehbare und beobachtbare Versuche gestartet und nur auf das Verhalten geschaut. Es wurde also reduziert auf beobachtbares Verhalten. Man hat einen Reiz dargeboten (oft Futter) und gespannt die Verhaltensreaktion beobachtet. Das Verhalten einzelner Ratten war erst mal nicht interessant, nur wenn sich viele Ratten ähnlich verhalten haben, akzeptierte man ein Modell. Nicht immer, denn der Versuch zum kleinen Albert (Watson und Rayner, 1920) wurde nur an einem Kind probiert, dennoch ist es ein heute akzeptiertes Modell zur Angsterstehung.

Später überwand man das Modell der Black Box, es war eben auch nur ein Modell. Das Erbe des Behaviourismus ist zum einen der Ruf nach Anthropomorphismus (Vermenschlichung): Tieren werden menschengleiche Emotionen zugeschrieben, was im Behaviourismus eben nicht betrachtet wurde. Zum anderen haben wir das wissenschaftliche Vorgehen vom Behaviourismus geerbt. Ob Wissenschaftler jetzt alle Behaviouristen sind? Nein, wir haben nur die Überlegungen zur Vorgehensweise geerbt, nicht die Denkinhalte.

Die Behaviouristen hatten eine weitere Grundannahme: die tabula rasa. Demnach kommen Lebewesen als „weißes, unbeschriebenes Blatt“ zur Welt und Lernerfahrungen sind die Tintenkleckse auf diesem Blatt. Das blendet allerdings auch die komplette Genetik aus. Diese war allerdings auch in dieser Zeit noch nicht weit fortgeschritten mit ihren Erkenntnissen. Wie gesagt, es war ein Modell. Modelle können die Wirklichkeit immer nur schematisch vereinfacht abbilden und sollten als Diskussionsgrundlage dienen.

Ähnlich verhält es sich mit dem Modell des Gehirns. Dabei werden gegenwärtige Annahmen mit farblichen Bildchen vereinfacht. Auch heute sind wir noch weit davon entfernt, das Gehirn als komplexes Gebilde zu verstehen. Das Gehirn denkt über sich selbst nach. Ein System im System. Jeder Psychotherapeut weiß, dass das Betrachten eines Systems von außen (als unbeteiligte Einheit) geordnetere Sichtweisen hervorbringt. Der Therapeut ist nicht Teil des Systems, über das er nachdenkt. Das funktioniert im Moment bei dem Gehirn noch nicht. Vorsicht also mit schematischen Darstellungen von Hirnfunktionen. Es sind immer nur vorläufige Annahmen, bis sie widerlegt werden.

Der reine Behaviourismus wurde mit der „kognitiven Wende“ circa 1960 abgelöst. Abgelöst heißt aber nicht verworfen sondern verändert, modifiziert. Die Reiz-Reaktions-Mechanismen sind also nicht falsch, nur nicht mehr allerklärend. Es kamen weitere Betrachtungsaspekte hinzu. Denkprozesse, Wahrnehmung, Emotionen und Motivation und auch die Psychopathologie, also krankhafte Veränderungen von Denken und Wahrnehmung. Es entwickelte sich die Verhaltenstherapie, die heute als kognitive Verhaltenstherapie durchaus Bestand in der Psychotherapie hat.

Was die Psychoanalyse macht? Na sie hat einfach weiter gemacht. Sie existiert neben der Verhaltenstherapie (deren Grundlagen im Behaviourismus liegen). Nebenbei gibt es auch noch humanistische Modelle (nach Rogers), systemische Ansätze und viele weitere. Von früheren Annahmen wurden gelungene Aspekte herausgegriffen und weiterentwickelt. Je weiter sich die Psychologen und Ärzte mit der Therapie des Menschen beschäftigt haben, desto mehr Modelle sind hinzugekommen. Dabei verhält es sich so, dass viele Ideen nebeneinander existieren.

Inzwischen schaut man, welche Störung vorliegt und mit welcher Therapie sich diese gut behandeln lässt. Für einzelne Störungen gibt es angepasste Therapien, die sich direkt auf die Inhalte der Störung beziehen. So gibt es zum Beispiel Therapien für Menschen mit emotionaler Instabilität die dialektisch-behaviourale Therapie. Angststörungen lassen sich gut mit Verhaltenstherapien behandeln. Werden Probleme primär durch das Umfeld beeinflusst, kann eine systemische Therapie sehr gut das Umfeld des Patienten hinterfragen. Das bedeutet auch, dass Therapeuten bereit sind, eine besser geeignete Therapie zu empfehlen, wenn sie mit ihrem Handwerkskoffer nicht weiterkommen.

Will man nun Psychotherapeut werden, heißt das, nach den 4,5 Jahren Psychologiestudium eine weitere Ausbildung zu absolvieren. In Vollzeit 3 Jahre, berufsbegleitend 5 Jahre. Das ist noch mal richtig teuer, die Kosten liegen zwischen 15 und 50 Tausend Euro, je nach Richtung. Im Vergleich dazu sind die Ausbildungen in der Hundeszene richtig günstig. Der Psychologe von heute hat immer noch nur die Wahl zwischen Psychoanalyse/Tiefenpsychologie oder Verhaltenstherapie, will er später mal Kassenpatienten behandeln. Ich persönlich kenne keinen Kollegen, der sagt, eines von beiden Konzepten wäre jetzt das Allheilmittel und man entscheidet sich aus unterschiedlichsten Gründen für eine der beiden Richtungen. Ein reines Arbeiten nach nur einer Richtung ist im Alltag unwahrscheinlich. Keine der beiden Richtungen ist nämlich für die Vielzahl an Störungsbildern, die ICD 10 oder DSM V (Kataloge von aufgelisteten Störungen des Menschen) kennen, alleinig allerklärend.

Ich persönlich würde mir wünschen, dass Hundetrainer gute diagnostische und methodische Werkzeuge an die Hand bekommen. Das heißt, dass erst einmal umfassend mit vielen verschiedenen Brillen geschaut wird, was genau das Problem ist. Je nach Verhaltensakzentuierung (Hund macht komische Sachen) oder Störung (Hund hat ein richtig dolles Problem) sollte zunächst geschaut werden, was die Störung bedingt. Das kann medizinische Gründe haben, Gründe die im Umfeld des Hundes liegen, in dessen Lerngeschichte (und da haben wir ihn wieder, den Behaviourismus, aber er ist eben nur ein Teil des Spiels) oder auch in der Interaktion mit dem Menschen. Was bedingt eine Störung, wie wird sie aufrechterhalten. Wie ist sie entstanden? Was beeinflusst eine Störung, was wurde bisher versucht? Wie ist der Mensch drauf, was kann ihm zugemutet werden? Gleiches gilt für den Hund. Es ist auch sehr gut möglich, dass der Mensch das Problem ist, also muss ein Hundetrainer auch sensibel auf das Verhalten des Menschen schauen können.

An dieser Stelle werde ich auch nicht müde, zu erwähnen, dass Hundetrainer eine Methodenvielfalt kennen sollten. Wenn das einzige Werkzeug ein Hammer ist, werden alle Probleme zu Nägeln. Dafür ist die Hund-Mensch-Beziehung aber zu vielfältig. Das klingt danach, als müssten Hundetrainer mehr lernen als nur eine Vorgehensweise? Richtig, das wäre notwendig.

Und weiter würde ich mir wünschen, dass Hundetrainer auch umfassend in der Arbeit mit Menschen ausgebildet werden. Hundetrainer arbeiten in der Hauptsache am Menschen.

Gegenwärtig ist es in Deutschland so, dass Berufe am Menschen (Erzieher, Ergotherapeut, Logopäde…) eine mindestens 3jährige Ausbildung erfordern. Oder ein Studium (Sozialpädagoge, Psychologe, Pädagoge…). Das hat auch seine Berechtigung, werden doch in der Ausbildung Methoden und Hintergründe erlernt, die nun mal notwendig sind. Selbst nach einer solchen Ausbildung/Studium benötigt es sehr viel praktischer Erfahrung, um sicher mit vielen verschiedenen Situationen umzugehen. Es gelingt dann auch besser, einzelne Theoriekonzepte in das Wissen einzubetten und entsprechend zu würdigen.

Die Frage lautet dann nämlich nicht mehr: Behaviourismus ja oder nein, sondern: Behaviourismus wann und zu welchem Anteil.

 

 

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3 Kommentare zu „Der böse Behaviourismus….

  1. „… wir haben nur die Überlegungen zur Vorgehensweise geerbt, nicht die Denkinhalte.“ Klasse, vielen Dank dafür! Auch fürs Betonen, wie wichtig es für HundetrainerInnen ist, im Umgang mit Menschen geschult zu sein.

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  2. Auch wenn ich die Bemühungen der Autorin eine Lanze für Behaviorismus zu brechen schätze, ist jedoch ein kapitaler Fehler unterlaufen: Es gibt nicht den einen Behaviorismus. Es gibt viele verschiedene Formen des Behaviorismus und einer davon ist ein sehr fruchtbarer wissenschaftlicher Ansatz, der sehr aktuell ist und in unterschiedlichen Bereichen eingesetzt wird. Dieser wird im Blogeintrag leider nicht beschrieben.

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