Kann man die Angst des Hundes durch Zuwendung verstärken? – Standpunkte…

Kann man die Angst des Hundes durch Zuwendung verstärken? – Standpunkte…

 

Über diese Frage ist bereits sehr viel diskutiert worden und es bilden sich Lager: die einen sagen, dass durch Zuwendung bei Angst diese verstärkt wird. Andere sagen, man kann die Angst nicht verstärken, da es eine Emotion ist und der Hund nicht „machen kann“ dass er mehr Angst hat. Also soll man bei Angst den Hund trösten. Wieder andere beschäftigen sich mit der Frage überhaupt nicht und leben mit ihren Hunden trotzdem gut zusammen. Ich werde also neutral an diese Frage herangehen und in einem Fazit meine Gedanken dazu äußern.

 

Standpunkt 1 „Angst wird durch Zuwendung verstärkt“.

Angst ist erlerntes Verhalten. Das haben schon Studien wie „der kleine Albert“ von Watson und Rayner (1920) zeigen können. Klassisch konditioniert (freundlicher Reiz und Strafreiz treten gemeinsam auf, nach einigen Wiederholungen reicht der freundliche Reiz für die Schreckreaktion). Dies zeigt, das sogar so angenehme Dinge wie das Streicheln eines Kaninchens angstbesetzt werden kann, wenn es in ständiger Verbindung mit Schreckreizen passiert.

Es konnte auch gezeigt werden, dass Schimpansen Angstverhalten ihrer Eltern „übernehmen“. Beim ängstlichen Reagieren auf den Anblick einer Schlange reagieren die jungen Schimpansen zunächst irritiert, ahmen dann aber das Verhalten ihrer Eltern nach, ohne je Konflikte mit einer Schlange gehabt zu haben. Angst ist also generell erst mal erlernbar.

Nun stellt sich die Frage ja nicht, wie wir unserem Hund Angst vor einem Kaninchen oder einer Schlange beibringen wollen. In unserem Alltag werden wir einen Hund haben, der – warum auch immer – schon Angst vor etwas hat. Der Hund wird also gelassen spazieren gehen, es taucht ein Angstauslöser auf (Heißluftballon, Radfahrer) und der Hund zeigt eine Angstreaktion. Jetzt ist die Frage für den Halter: Was tun? Wenn Zuwendung die Angst verstärkt, verhalten wir uns so, als sei gar nichts und ignorieren die Angst des Hundes. Der Hund soll am Vorbild Mensch lernen, dass die Situation völlig alltäglich ist und normale Abläufe dadurch nicht unterbrochen werden müssen. Ein Zuwenden zum Hund (Steicheln, Füttern, Trösten) würde dem Hund signalisieren: Ja, hast Recht, da ist was faul. Die tröstende Stimmlage vermittelt dem Hund „Caregiving behaviour“, also Pflegeverhalten, hier ist also definitiv etwas passiert. Die Aussage ist also: Wir verstärken das Verhalten des Hundes (operant konditioniert). Denn es scheint sich ja zu lohnen, dieses Verhalten zu zeigen (Konsequenz ist die Zuwendung). Er wird es wieder tun. Dingen mit Angst zu begegnen scheint die komplette Aufmerksamkeit auf den Hund zu leiten. Das Verhalten lohnt sich und was sich lohnt wird gemacht.

Standpunkt 2 „Man kann Angst nicht durch Zuwendung verstärken.“

Angst ist eine Emotion und der Hund kann nicht „machen“, dass er eine Emotion zeigt. Emotionen lassen sich nicht verstärken bzw. willentlich beeinflussen. Wenn jemand zu einem Horrorfilm Chips isst, machen die Chips nicht, dass er mehr Angst hat. Was passieren könnte ist, dass das nächste Essen von Chips an die Gefühle beim Horrorfilm erinnert, wobei die Reaktion dann sehr abgeschwächt wäre. Emotionen sind ungerichtet, sie treten in einem bestimmten Moment auf oder nicht. Somit kann man einen Hund bei Angst trösten. Es wird ihm helfen, sich schneller zu beruhigen („Caregiving behaviour“), er wird die Situation als weniger negativ bewerten, da er sich ja beruhigen konnte. Viele Hunde suchen auch von sich aus Schutz beim Halter und empfinden die Nähe des Halters als tröstend.

Für den Hund wahrnehmbar ist die physiologische Veränderung bei Angst, wie Zittern oder Herzrasen. Auch diese Reaktion ist unwillkürlich und daher nicht durch Lernverhalten beeinflussbar. Wenn wir durch Trösten dafür sorgen, dass die physiologische Veränderung zurückgeht, dann wird der Hund dieses Verhalten weniger zeigen.

Soweit die unterschiedlichen Standpunkte.

 

Fazit: Die Frage, die hinter diesen beiden Standpunkten steht, ist also: wenn wir etwas beeinflussen, ändern wir dann das Verhalten oder die Emotion hinter dem Verhalten. Das lässt sich nie genau sagen. Beides ist miteinander verknüpft. Wissenschaftler gehen dieser Frage seit dem 19. Jahrhundert nach. James-Lange-Theorie, Schachter und Singer, Cannon-Bard-Theorie. Es wurde also bereits vorher viel überlegt und diskutiert, wie Emotionen entstehen. Die Psychologie geht inzwischen von einem komplexen Geschehen aus, welches sich wechselseitig beeinflusst. Reine Wenn-Dann-Aussagen (Algorithmen) sind zwar wünschenswert, aber leider so nicht realistisch. Was bedeutet das nun für uns Hundehalter?

 

Die Hund-Mensch-Beziehung basiert auf vielen Einzelerlebnissen, die in ihrer Gesamtheit idealerweise eine vertrauensvolle Beziehung herstellen sollen. Diese umfasst weit mehr Aspekte, als Lernverhalten, egal ob klassisch oder operant/instrumentell. Ohne uns dessen groß bewusst zu sein, arbeiten wir an dieser Beziehung. Sei es das gemeinsame Kuscheln auf der Couch, eine gemeinsame Entdeckungsreise durch die erwachende Natur oder auch nur so banale Dinge wie regelmäßiges Füttern.

 

Letztendlich ist eine tragfähige Beziehung zwischen Hund und Mensch dann auch die Basis, auf der Hund und Mensch in einer Angstsituation agieren. Hundehalter sollten sich daher einfach überlegen, womit sie sich wohler fühlen in der Angstsituation des Hundes. Denn aufgesetztes Verhalten ist nicht intuitiv. Arbeit am Angsthund ist primär Beziehungsarbeit. Die einen leben ihrem Hund lieber souveränes Verhalten vor („hier ist nichts, du brauchst keine Angst zu haben“) andere neigen eher zum Trösten („ich mache, dass es dir besser geht“). Letztendlich vermitteln beide Standpunkte dem Hund etwas ähnliches: Ich bin da.